Frühlingsfest in Lützerath an der Abbruchkante zum Tagebau

Das Orrtsschild von Lützerath ist mit Aufklebern und Schleifen beklebt. Daneben stehen Barrikaden aus Paletten.
Ortsschild von Lützerath

Ich bin in einem Ort im Rheinland aufgewachsen, der direkt an einem Braunkohle-Tagebau lag. Diesen Tagebau gibt es heute nicht mehr, er wurde von RWE (damals noch Rheinbraun) „rekultiviert“. Das war für mich vollkommen selbstverständlich. Als Kind habe ich oft am Rand oder sogar im Tagebau gespielt. Später als Jugendlicher und junger Mann hat mich zwar oft genervt, dass alle paar Wochen alles (mein Auto ;)) im Ort mit einer dünnen Sandschicht bedeckt war, je nach dem wie der Wind stand (ähnlich dem Saharasand-Ereignis der letzten Wochen), aber ich habe auch (private) Raves auf Aussichtpunkten oder in den Geisterdörfern besucht. Und natürlich Bagger-Seen. War halt irgendwie eine coole Location. Als technikbegeisterter Mensch habe ich auch die Ingenieursleistung bewundert, die so riesige Maschinen ermöglicht hat. Damals war Umwelt- und Klimaschutz einfach noch nicht so prominent, wie heute. Vor allem nicht bei ganz jungen Menschen.

Ein großes gelbes Plakat mit der Aufschrift 1,5 Grad C heißt: Lützerath bleibt! an einer Wand. Davor steht ein Tesla
Lützerath bleibt!

Man muss aber auch sagen, dass, Rheinbraun, heute RWE, das ganz clever gemacht hat. Dieser Konzern war und ist einer der wichtigsten Arbeitgeber in der Umgebung. Die meisten in dem Ort und vermutlich in der ganzen Umgebung kannten einen oder mehrere Personen, die dort arbeiten. Der Konzern hat Vereine unterstützt und sich anderweitig in die Herzen der Menschen eingekauft. Das waren nie große Beträge, so ein Konzern bezahlt das aus der Kaffeekasse, aber es bleibt in den Köpfen hängen. Hinzu kommt, dass sich der Konzern führende Politiker gekauft hat bzw. das sind hauptberuflich eher Lobbyisten, und nur im Nebenberuf Politiker. Wie z.B. Gregor Golland (CDU), der sich nicht mal die Mühe macht eine glaubwürdige Ausrede auszudenken, sondern allen anderen auch vorwirft einfach nur faul zu sein (Bis zu 120.000 Euro im Jahr für Halbtagsjob bei RWE: „Ich arbeite einfach mehr als der Normalverdiener“. Oder NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU), der die Polizei als Privatarmee RWE zur Verfügung gestellt hat.

Ortseingang von Lützerath mit Blick auf den Hof.
Ortseingang von Lützerath. Links, wo die Autos stehen, waren früher Häuser.

Damals, als ich noch ein junger Mann war, dachte ich mir auch nichts bei den Umsiedlungen. Denn so ein Tagebau benötigt sehr viel Platz. Und das Loch bleibt nicht an Ort und Stelle, es wandert und verschlingt ganze Landstriche inkl. allem, was oben drauf ist, also auch Ortschaften. Die Menschen, die dort lebten, müssen (ja müssen) ihre Häuser und ihr Land verkaufen und dürfen an einer ausgewiesenen Stelle neu bauen. Wenn man nicht weiter darüber nachdenkt, hört sich das erst mal toll an. Man tauscht quasi ein altes Haus gegen ein Neues. So entstanden Retorten-Ortschaften, wie z.B. Manheim-neu. So einfach ist es aber leider nicht.

Mehrere Häuser teilweise mit Graffiti bemalt
Überwucherte Ruinen von Gebäuden mit dem Spruch "Friede den Hütten, krieg den Palästen""
Ehemalige Gebäude in Lützerath

Natürlich gibt es Menschen, die von diesen Umsiedlungen profitiert haben. Es ist aber ein Trugschluss, dass man Ortschaften einfach 1:1 verpflanzen kann. Sie lebten in Häusern, die schon seit Generationen im Familienbesitz sind. Sie wurden dort geboren, sind dort aufgewachsen, usw. Solche Sachen kann man nicht einfach kopieren. Diese Menschen haben sich gewehrt, wurden aber letztendlich aus ihrer Heimat vertrieben. Gegen einen übermächtigen Konzern und eine gekaufte Politik kommt man schwer an. Daher muss ich immer schmunzeln, wenn ich die Ausreden von Berliner Politikern zum Thema Deutsche Wohnen & Co. enteignen lese. Kommunismus und so. Hier bei uns werden Menschen seit Jahrzehnten enteignet, vertrieben und ihre Heimat wird nachhaltig zerstört. Die gleichen Parteien, die Enteignung in Berlin für den Untergang des Abendlandes halten, zucken hier nicht mal mit der Wimper. Offensichtlich hängt die Machbarkeit einer Enteignung davon ab, wer davon profitiert.

Zwischen zwei Verkehrsschildern sieht man den Tagebau Garzweiler und einen Braunkohlebagger in Aktion
Warum ist die Fahrbahn uneben?

Vor kurzem hat das OVG Münster entschieden, dass der letzte Hof in Lützerath, einem ehemaligen Dorf im Rheinland geräumt und vernichtet werden darf. Der Inhaber hat sich jahrelang dagegen gewehrt, hatte aber letztendlich keine Chance. Mit ihm haben viele Menschen demonstriert und versuchen die Zerstörung abzuwenden. Dazu wurde ein Camp auf dem Hof errichtet, auf dem nicht nur Klimaaktivisten untergekommen sind. Nach dem Urteil gab es letztes Wochenende ein Frühlingsfest und ich habe das Camp besucht.

Eine Frau und ein Kind gehen einen Weg zwischen Birken entlang. Zwischen den Bäumen ist ein Plakat gespannt
Eingang zum Camp in Lützerath

Heute trennen den Hof und die Abbruchkante nur ca. 200 Meter. Dazwischen ist eine Art Grenzland. Ein Erdwall neben der Straße bildet die Demarkationslinie. Dazwischen patroulliert ein Sicherheitsdienst mit zahlreichen Geländefahrzeugen. Und die Jungs in diesen Autos sind an diesem Tag ziemlich nervös gewesen. Man fühlt sich, wie an der ehemaligen Deutsch-Deutschen-Grenze. Nur dass auf der anderen Seite kein Land ist, sondern ein gigantischer von Menschen geschaffener Krater, der sich durch die Landschaft fräst und unaufhaltsam näher kommt.

Links stehen Bäume und Gebüsche mit Baumhäusern, rechts daneben eine Straße, dann Brache und dann der Tagebau
Links das Camp, rechts der Tagebau Garzweiler

So hatte ich die Gelegenheit mir das Camp anzuschauen und mit den Menschen zu sprechen, die ihr Leben dafür opfern sich diesem Wahnsinn entgegenzustellen. So ein Camp sieht natürlich sehr provisorisch aus. Hinter Klimaprotesten steht kein multimilliarden-schwerer Konzern oder ein Staat dahinter. Die Menschen nutzen Kreativität und Dinge die sie finden oder gespendet bekommen, um ihre Unterkünfte und andere Gebäude zu bauen. Ich war wirklich beeindruckt davon, was man alles aus Dingen, die ich als Sperrmüll bezeichnen würde, so erschaffen kann. Häuser, Baumhäuser, Toiletten, Werkstätten, Cafés, Versammlungsorte, Bühnen, usw. nur um einige zu nennen. Eine ehemals landwirtschaftlich genutzte Halle ist jetzt sogar eine Skate-Halle.

Zwei Türme zwischen denen sich menschen auf einem Weg bewegen
Der Eingang zum Camp
Ein großes Zelt in der Mitte des Platzes, dahinter Hütten und Baumhäuser. Dazwischen befinden sich viele Menschen
Der große Platz des Camps in Lützerath
Besuchertoiletten neben dem Eingang zum Camp
Besuchertoiletten
Möglichkeiten sich die Hände zu waschen und eine Dusche im Wald
Die sanitären Einrichtungen des Camps
Ein Camp aus Wohnwagen steht in einem Wäldchen. Im Vordergrund hängt ein Schild an einem Baum das zum Besuch einlädt
Teil des Camps in Lützerath
Zwei Menschen sitzen an einem Tisch, um sie herum andere Tische und eine provisorische Bar
Ein Café in Camp Lützerath
Eine Sammelstelle für benutztes Besteck
Lützerath wird über die Gerichte entschieden
Zwischen zwei Hütten ist eine Schaukel montiert, auf der ein kind schaukelt
Vergesst nicht, dass wir viele sind
Auf einem auslandendem Baum befindet sich ein Baumhaus. Vom Baum hängen mehrere Seile. Ein mensch versucht hoch zu klettern.
Kletterspaß
Auf einem Weg neben einem Haus steht ein Holzgerüst an dem Schaufeln lehnen
Werkzeug
Eine Hütte, die als Holzlager und Werkstatt dient
Holzlager
Oben hängen Beine in Stiefeln über eine Kante, im Hintergrund sieht man das Materiallager
Materiallager
Neben einem Weg stehen mehrere Hütten, dahinter befinden sich Baumhäuser
Die Menschen haben sich für längere Aufenthalte eingerichtet
Auf dem Boden steht ein Plumpsklo. Daneben befindet sich hoch oben auf einem baum ein Baumhaus.
Plumpsklo und Baumhaus

Das Frühlingsfest war ein schönes Event für die ganze Familie. Für die Kleinen gab es Märchenstunden, Kasperletheater, Kinderschminken, Kletterkurse. Für alle gab es dann noch Kunsthandwerk, Schweißen für Anfänger und eine Pflanzaktion. Es wurde auch symbolisch ein großes gelbes Kreuz aufgestellt. Ich habe an einem geführten Rundgang teilgenommen, der sehr informativ war. Es wurde erklärt, wie das alles zustande gekommen ist und das Lützerath früher mal größer war. Neben dem Hof ist jetzt eine Brache, doch früher standen hier andere Häuser und Höfe. RWE hatte diese schon eingesackt und direkt mit viel Getöse und Staub über Tage abreißen lassen, ohne die Urteile der Gerichte abzuwarten. So hat man Tatsachen geschaffen und die Übrigen unter Druck gesetzt. Legale Mafia-Methoden sind einfach, wenn man die Politik auf der Gehaltsliste hat.

Eine Gruppe von Menschen steht vor einem Kasperletheater in Lützerath
Kasperletheater auf dem Frühlingsfest
Auf einem Brachland stellen mehrere menschen ein großes gelbes Kreuz auf
Die Mitglieder der Mahnwache und Menschen von „Die Kirche(n) im Dorf lassen“ stellen ein gelbes Kreuz auf

Steht man an dieser Demarkationslinie, wundert man sich über die Dummheit und die Gier des Menschen. Es ist nicht nur eine geografische Grenze. In dieser Gegend gibt es sehr fruchtbaren und preisgekrönten (kein Witz!) Lössboden. Unsere Kornkammer. In Zeiten, in denen die Lebensmittelpreise steigen, weil wir von anderen Ländern abhängig sind, solchen Boden und die Hersteller von Qualitäts-Lebensmitteln einfach zu vernichten, ist dämlich. Aber dabei bleibt es nicht. Wir holen CO₂ (das Treibhausgas Kohlendioxid) aus der Erde und pusten es in die Atmosphäre, was diese wiederum erwärmt. Diese Grenze markiert auch die 1,5 Grad-Grenze, also unser selbst gesteckten Ziel, um den Klimawandel zumindest abzumildern. Da wir schon bei 1,2 Grad sind, wird beim Überschreiten dieser Grenze unser Ziel definitiv gerissen. Mit allen daraus folgenden Konsequenzen. Statt das Geld dort zu versenken sollten wir es jetzt in die Hand nehmen, um massiv und umfassend erneuerbare Energien zu fördern. Seit dem Ukraine-Krieg sind die Energiepreise aus konventionellen Quellen in die Höhe geschnellt. Diesen Schwankungen und diesen Abhängigkeiten unterliegt Strom aus erneuerbaren Quellen nicht. Es gibt in der Herstellung keinen billigeren Strom als Solarstrom. Ja, es sind noch einige Probleme, die man lösen muss. Aber ich bin mir sicher mit den entsprechenden finanziellen Möglichkeiten wird man Lösungen finden. Schließlich hat man es ja auch geschafft riesige Maschinen zu bauen, die solche Löcher erzeugen können. Wir dürfen das nicht länger auf die lange Bank schieben, denn die Folgen des Klimawandels sind auch bei uns schon deutlich spürbar. hier im Blog findest Du meine Berichte zur Flutkatastrophe 2021.

Im Vordergrund sieht man eine Schranke, dahinter den Tagebau Garzweiler und einen Braunkohlebagger.
Die Grenze zwischen Lützerath und dem Tagebau Garzweiler
Im Vordergrund sind Kuscheltiere auf einem Erdwall abgelegt. in den boden ist eine 1,5 Grad Grenze Fahne aufgestellt. Im Hintergrund sieht man den Tagebau Garzweiler und einen Braunkohlebagger.
Grenze zwischen Lützerath und dem Tagebau und die 1,5 Grad Grenze.

Auch wenn das Schicksal von Lützerath besiegelt zu sein scheint, viele Menschen dort haben vor weiter zu kämpfen. Denn es ist eine existenzielle Frage. Irgendwann wird es hier keine Kohle mehr geben und RWE wird weiter ziehen. Die Schäden aber werden bleiben und wir werden alle darunter leiden.

Auf einer grünen Wand ist mit violetter Farbe der Spruch Ich fühl mich angebaggert! gesprüht
Ich fühl mich angebaggert!

Ach ja, wenn jemand sehen möchte, was RWE unter Rekultivierung versteht oder wie groß diese Bagger wirklich sind, ich habe schon 2016 einige Bilder von einem ehemaligen Tagebau gemacht. Loch zugeschüttet, ein paar Monokulturen drauf, fertig. Das hat meiner Meinung nach wenig mit Natur oder Kulturlandschaft zu tun.

5 Gedanken zu “Frühlingsfest in Lützerath an der Abbruchkante zum Tagebau

  1. Hi Darius, ein ganz wunderbarer Text, der zusammem mit den Fotos die Situation vor Ort auch Menschen erklärt, die ganz woanders wohnen. Super (und so viel Arbeit…)

    Sabine

    • Danke. Geht eigentlich, das meiste hatte ich schon vor Ort im Kopf. Musste es im Prinzip nur noch runter schreiben.
      Ja, das ist immer schwierig das Menschen zu erklären, die so was noch nie gesehen haben. Die Dimensionen sind schwer zu fassen.

  2. Bericht ganz gut, Bilder sehr schön.
    Allerdings sind da ein paar nicht richtige Untertitel:
    Nicht nur die Mahnwache hat das gelbe Kreuz aufgerichtet, sondern auch Menschen von „Die Kirche(n) im Dorf lassen“
    Echardt Heukamps Hof ist nicht von aktivisti bewohnt.
    Irrtümlich ezeigt wird von Ihnen das gelbgestrichene Haus mit dem Vogel nebenan.
    Eckardts Heukamps Hof ist der, an dem das große gelbe Transparent hängt: 1,5 °C heißt: Lützerath bleibt!

  3. Pingback: Kleine Pause | Spuelbeck.net

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