Berlin 2015 – Der verschliffene Diamant – Part 3

Berlin

Berlin

Heute sagte die Wettervorhersage Regen und teilweise auch Gewitter voraus, weswegen wir nicht genau wussten, was wir machen werden. Solange es nicht regnet wollen wir uns wie üblich zu Fuß durchschlagen, bei Regen auf Museen und Ausstellungen ausweichen, von denen es in Berlin sehr viele gibt.

Den Anfang machte eine Van Gogh Alive Ausstellung. Es war jedoch nicht der übliche Besuch in einer Galerie oder einem Museum, bei dem einfach Bilder an der Wand hingen. Es war ein durchaus interessantes und modernes Konzept. Bilder des Meisters wurden auf riesige Leinwände projiziert, zwischendurch gab es Zitate und Animationen untermalt von klassischer Musik.
Ich weiß noch nicht so genau, ob ich das gut finde. Optisch war es jedenfalls außergewöhnlich.

Auf dem Weg zum nächsten Ziel liefen wir zufällig an einem eher unscheinbaren Gebäude vorbei, vor dem alte bemalte Stücke der Berliner Mauer standen. Ein Klappschild wies darauf hin, das dort Einrichtungsgegenstände aus industriellen Beständen verkauft wurden. Eigentlich wollte ich da gar nicht rein, den auf Trödel stehe ich nicht so. Sobald ich drin war, änderte sich meine Meinung schlagartig. Die dunklen Räume waren voll von Lampen, Uhren, Stühlen und eine Menge anderen Zeugs. Eine sehr schräge Atmosphäre. Ich habe mich kurz mit dem jungen Verkäufer unterhalten. Das Geschäft läuft wohl ganz gut, aber er müsse nächste Woche raus. Wie das halt so oft in besetzen Häusern ist.

Tatsächlich war es so, dass das „Geschäft“ nur in einem Teil im Erdgeschoss war. Der Rest stand wohl schon länger leer und wurde von Menschen als Treffpunkt und Partylocation genutzt.
Wir haben uns Raum für Raum, Etage für Etage vorgearbeitet. Es war ein Gefühl, als wäre man ein Archäologe, der einen alten Tempel erkundet. Man sieht, was dort alles liegen gelassen wurde, und versucht zu rekonstruieren, was dort wohl früher war. Außerdem hatte man das Gefühl, man geht durch eine schräge Art von Kunstgalerie, den in vielen Räumen gab es viel interessanter Streetart. Und immer mit dem Bewusstsein, dass es das alles bald nicht mehr geben wird.

Das ist halt die von mir schon erwähnte Freiheit in Berlin. Nach der Wende sind viele Einwohner in den Westen gezogen und ließen ihre Wohnungen komplett möbliert zurück. Junge Männer, die keinen Wehrdienst leisten wollten, und solche, die gesellschaftlichen Zwängen entfliehen wollten, zogen nach Berlin und dort in solche Häuser, weil man dort kostenlos wohnen konnte. Viele Grundstücke und Häuser gehörten früher dem Staat. Nach dem Zusammenbruch der DDR mussten viele Besitzverhältnisse erst geklärt werden. Heute ist Berlin pleite und versucht aus allem Geld zu machen. So werden solche Grundstücke an (teils ausländische Investoren) verkauft, die daraus seelenlose Eigentumswohnungen für Reiche bauen und damit das zerstören, was Berlin ausmacht. Auf einer Häuserwand stand in großen Buchstaben „Diese Stadt ist ausverkauft.“ Treffend und traurig zugleich.

Mich hat das alles an eine Woche im Jahre 2001 erinnert. Damals besuchte ich einen ehemaligen Schulfreund, der nach Berlin gezogen war. Ich wollte mir die Stadt ansehen und die Love Parade besuchen. Er wohnte damals in einem verlassenen Altersheim. Fließend Wasser gab es nur im Garten, WC ebenso. Strom wurde mit Kabeltrommel von irgendwo (ich wollte gar nicht wissen woher) ins Zimmer geleitet. Essen hat man sich aus der Küche des neuen benachbarten Altersheims „organisiert“, in dem mein Freund damals arbeitete.
Das war mein kurzer Ausflug in die Hausbesetzerszene. Beim durchstreifen der Räume kamen viele Erinnerungen von damals wieder zurück.

Aus den Fenstern des Gebäudes konnte man den Hinterhof des Gebäudes sehen. Dort standen weitere originale Mauerstücke, eine Arena und viele Spuren von wilden Partys.

Simone sagte so schön, dass sie Streetart so gerne mag, weil die Künstler durch die Städte Europas fahren und dort ihre Spuren hinterlassen. Wenn man dann das Werk eines Künstlers in einer der Städte findet, dann ist es so, als würde man zufällig einen alten Freund treffen, obwohl man den Künstler vermutlich noch nie getroffen hat.
Ich habe bereits von Streetart in z. B. Hamburg berichtet. In Berlin ist Streetart allgegenwärtig. Deutlich mehr, als in Hamburg. Dafür gibt es in Hamburg mehr Vielfalt. In Berlin beschränken sich die Künstler meistens auf Graffitis und Paste-Ups, in Hamburg findet man oft auch Knitting oder Styropor-Figuren, Kacheln, Mosaike usw.
In der Straße, in der wir das Gebäude gefunden haben, gab es noch viele weitere ähnliche Gebäude, die es vermutlich bald nicht mehr geben wird.

Ich wäre gerne noch länger dort geblieben, aber wir wollten noch mehr sehen und Simone hatte Hunger. So kehrten wir in Markthalle 9 ein, wo wir köstliche Pulled Pork Sandwiches und eine unfassbar gute Pizza von einem italienischen Brotbäcker gegessen haben.

Weiter ging es zum Club der Visionäre, einem Ort an einem Wasserkanal, der für legendäre Minimal-Techno Partys bekannt war. Wir haben uns das von außen angeschaut, denn man konnte die Musik, die gefühlt aus drei Tönen bestand, hören. Meine geschundenen Füße brauchten eine Pause. So gab es Bier von der Tanke, Foccacia vom Brotbäcker aus Markthalle 9 am Kanal auf der anderen Seite der Brücke. Wir unterhielten uns über das Erlebte, schauten Spatzen beim Putzen im Sand zu und genossen den Augenblick.

Letzte Station sollte Friedrichshain sein. Auf dem Weg dahin überquerten wir die Oberbaumbrücke, die zum Glück auf unserer Seite überdacht war. Ein starker Wolkenbruch mit ordentlichen Windböhen zwang uns zu einer Pause.

Erschöpft suchten wir uns ein Lokal, es war wie zu erwarten nicht besonders gut. Aber in einer Touristen Gegend ist das leider so. Diese Lokale dort sind alle so. Mäßiges bis schlechtes Essen zu relativ hohen Preisen. Aber die Cocktails waren lecker 😉

Den schönen aber anstrengenden Tag haben wir dann bei uns im Park bei einem gemütlichen Bierchen ausklingen lassen.

Wie immer war auch diese Reise zu kurz. Ich hätte gerne noch andere interessante Orte besucht. Ich wäre gerne zu einem Konzert ins YAAM gegangen, hätte gerne eine der Partys in verlassenen Häusern besucht.
Berlin war und ist eine Reise wert, wenn man mal nicht der Herde hinterher läuft.

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Berlin 2015 – Der verschliffene Diamant – Part 2

Alexanderplatz Berlin

Alexanderplatz Berlin

Ebenso wie in Hamburg kann man in Berlin an alternativen Stadtführungen teilnehmen, die einem interessante Ecken abseits der üblichen touristischen Sehenswürdigkeiten zeigen.
Wir meiden normalerweise solche geführten Touren, und fühlten uns auch diesmal nicht ganz wohl in unserer Haut. Man läuft in einer Gruppe und ist schon vom Weiten aus als gemeiner Touri erkennbar. Als würde man durch einen Zoo laufen, wobei die Frage unbeantwortet bleibt auf welcher Seite des Gitters man sich befindet. Wenigstens haben wir es auch in dieser Stadt geschafft diese City Tour Busse nicht zu nutzen. Die meiste Zeit waren wir zu Fuß oder mit der Bahn unterwegs. Und da fällt einem schon der zweite große Unterschied zu Köln auf. Die Stadt ist wesentlich breiter angelegt. Schöne breite Straßen, breite Bürgersteige und viele Parkplätze, auch wenn der Berliner das vermutlich nicht so sieht. Aber verglichen mit Köln sind es viele Parkplätze.

Aber zurück zu der alternativen Stadtführung. Treffpunkt war am Fernsehturm am Alexanderplatz. Eine Gruppe von ca. 15 Personen wurde von einer Studentin aus Australien angeführt. Eine Australierin macht Führungen in der Deutschen Hauptstadt. Ja, und das auf englisch, denn ausser Simone und mir kamen alle Teilnehmer aus dem Ausland. War aber alles gut, denn sie sprach sehr deutlich, musste aber oft gegen die laute Stadt anbrüllen.
Der Anfang war für uns beide nicht so spannend, da vieles erzählt wurde, was man als Deutscher eh schon weiß. Spannend war es, wie Fremde uns Deutsche sehen. Unsere Führerin wies die Teilnehmer eindringlich und mehrfach darauf hin nicht auf Radwegen zu laufen oder über rote Ampeln zu laufen, auch wenn gerade kein Auto kommt, sonst werden sie von den Deutschen angeschrien. Aber um 10 Uhr morgens Bier auf der Straße trinken ist ganz normal. Die Deutschen und ihre Regeln 😉

Die ersten Stationen der Tour waren, wie gesagt, nicht so spannend, da es um die Geschichte Berlins, insbesondere die Teilung zwischen Ost und West ging. Kennen wir schon, aber für so manche anderen Besucher ist das etwas völlig Neues. Ich vermute auch, dass viele es trotzdem nicht verstanden haben.

Der zweite Teil der Tour war schon deutlich spannender. Es ging um Berlin nach der Wende, über die Entstehung dieser Freiheit, die viele Berliner so lieben, über Streetart und über Gentrifizierung. Vor allem mit Letzterem hat Berlin massiv zu kämpfen.

Die erste kurze Pause haben wir in einem niedlichen kleinen Laden gemacht, der sich auf Mate Tee spezialisiert hat. Dort konnte man etwas über Mate erfahren und natürlich auch kaufen. Hört sich jetzt ungewöhnlich an, aber in Berlin ist es schwierig ein Getränk ohne Mate zu bekommen. Das Zeug ist überall drin. In Klassiker Club Mate, in Limonaden, in Cola, ja sogar im Wein. Verrückt.

Die zweite, diesmal etwas längere Pause haben wir am berühmten Currywurst Stand Konnopke’s Imbiss gemacht. War ganz lecker und auch scharf (wir haben „sehr scharf“ bestellt), umgehauen hat es mich aber nicht.

Konnopke's Imbiss

Konnopke’s Imbiss

Wir besuchten kurz die East Side Gallery und gingen dann zu YAAM in Kreuzberg, wo ich eh mal hin wollte. Das war genau nach meinem Geschmack. Entspannte und kreative Menschen, tolle Freizeitmöglichkeiten und ein herrlich duftendes Essen. Hier wäre ich gerne länger geblieben.

Weiter ging es zum berühmten „Baumhaus an der Mauer“ von Osman Kalin. Der alte Mann türkischer Abstimmung hat damals an einer Ecke der Mauer ein Baumhaus und einen Garten aus dem Abfall, wie z. B. alten Möbeln gebaut. Diesen Garten konnte jeder mit nutzen. Einiges von dem Gemüse wird an die benachbarte Schule gespendet.
Überhaupt gibt es in den Stadtteilen viel Zusammenhalt. Das merkt man immer wieder, da sich die Menschen dort gemeinsam gegen die Gentrifizierung währen.

Baumhaus an der Mauer

Baumhaus an der Mauer

Nächste Station war das Künstlerhaus Bethanien, ein altes schönes Gebäude, welches eigentlich abgerissen werden sollte. Wie so viele leer stehende Häuser in Berlin nach der Wende wurde damals auch dieses Gebäude einfach besetzt und von der Gemeinde als Treffpunkt genutzt. Menschen verschiedenen Alters, Geschlechts oder Herkunft haben dort etwas Tolles und Bewahrenswertes geschaffen.

Danach waren wir noch kurz auf dem Türkischen Markt, doch es fing heftig an zu regnen, und wir flüchteten in ein Cafe.

Zum Abschluss des Tages besuchten wir natürlich noch die Bundesgeschäftsstelle der Piratenpartei, deren Mitglieder sich gerade auf den CSD vorbereiten. Was wir nicht wussten, die Bahnhaltestelle dafür war direkt vor dem neuen BND Gebäude. Was für ein hässliches Teil. Sieht aus, wie ein ultramodernes Gefängnis aus. Wir haben uns gefragt, wie das in Zukunft ablaufen wird. Dort sollen über 6000 Menschen arbeiten. Die werden doch auffallen. Egal ob sie mit der Bahn fahren oder mit dem Auto. Und Mitarbeiter eines Nachrichtendienstes sind ja aus gegebenem Anlass nicht gerade beliebt (und das zurecht). Und das in einer Stadt, wie Berlin. Das wird noch interessant in Zukunft.

Irgendwie ist das für mich auch der krasseste Gegensatz Berlins. Auf relativ engem Raum findet man eine konservative, kalte, menschenverachtende und konzerngesteuerte Regierung und ihren Machtapparat in ihrem Elfenbeinturm, und dann sind da die einfachen Menschen, vor denen die eigene Regierung so viel Angst hat, dass sie die Menschen permanent überwachen lässt.
Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn eine Angela Merkel, oder irgendeiner der Minister sich mal herablassen würde, und einige Zeit in z.B. Kreuzberg ohne dem üblichen Drumherum, wie ausgesuchten Publikum, dass treudoof in Kameras winkt, verbringen würde. Was würde sie dort sehen? Vermutlich leider nicht das Gleiche, wie ich.

Hatten dann noch eine nette Unterhaltung mit den Piraten. Die betreiben dort eine Freifunk Anlage, welche unter anderem gerne von der Jugend intensiv genutzt wird. Kinder sitzen mit ihren Smartphones vor der Tür und haben Spaß.

Kids und ihre Smartphones

Kids und ihre Smartphones

Berlin 2015 – Der verschliffene Diamant – Part 1

Berliner Ampelmännchen

Berliner Ampelmännchen

Müde Gestalten im Neonlicht,
Mit tiefen Falten im Gesicht
Die Frühschicht schweigt, jeder bleibt für sich
Frust kommt auf, denn der Bus kommt nicht…
Und überall liegt Scheiße, man muss eigentlich schweben
Jeder hat n‘ Hund aber keinen zum Reden
Ich atme ständig durch den Mund das ist Teil meines Lebens,
Ich fühl mich ungesund, brauch was Reines dagegen

Dies ist ein Auszug aus dem Lied „Schwarz zu blau“ von Peter Fox, in dem er von seiner Liebe zu Berlin singt. Und ich finde, er beschreibt es darin ganz gut, das was Berlin ausmacht. Es ist eine laute, dreckige und raue Stadt mit extremen Gegensätzen. Außerdem ist es eine der Städte mit der außergewöhnlichsten Geschichte der letzten Zeit.

Am besten ich fange ganz vorne an. Das erste, was einem auffällt, wenn man am Berliner Hauptbahnhof ankommt, sind die Unübersichtlichkeit und die vielen Treppen. Und das zieht sich eigentlich durch alle öffentlichen Verkehrsmittel durch. Treppen, Treppen und noch mehr Treppen.

Größtes Wandmural in Berlin

Größtes Wandmural in Berlin

Auf der Seite unseres Hotels ist das größte Wandmural Berlin zu sehen, welches auch wirklich sehr imposant ist.
Da unser Zimmer noch nicht ganz fertig war, ließen wir unser Gepäck im Hotel und gingen erst mal eine Kleinigkeit essen. Wir waren ja schon seit 5 Uhr auf den Beinen.
Direkt um die Ecke haben wir genau das Richtige gefunden. Ein niedliches Cafe in einem Altbau.

Da das Zimmer immer noch nicht fertig war, haben wir beschlossen zum KaDeWe (Kaufhaus des Westens) zu laufen. Auf dem Weg dahin fanden wir einen schönen urbanen Park fast direkt neben unserem Hotel. Viele Bäume findet man dort zwar nicht, dafür viel Platz, einige Sportanlagen für junge Leute und Eisenbahnbrücken.

Das KaDeWe ist eigentlich nichts anderes, als ein großes Kaufhaus, ähnlich dem Kaufhof in Köln. Uns interessierte besonders die Lebensmittel- und Feinkostabteilung. Eine wirklich sehr große Auswahl haben die da.
Dort haben wir auch mit Champagner auf Simones Geburtstag angestoßen.
Irgendwann forderten das sehr frühe Aufstehen und die Reise ihren Tribut.

Nach dem wir unser Zimmer bezogen haben, haben wir uns kurz frisch gemacht, und machten uns auf die Suche nach einem schönen Restaurant fürs Abendessen.
Gefunden haben wir das Riehmers. Ein schönes kleines und ruhiges Restaurant mit leckerem Essen. Ein schöner Abschluss für Simones Geburtstag.