Beschädigte Horchheimer Damm an der Erft

Flutkatastrophe 2021: Horchheimer Damm

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Einer der wichtigsten Gründe für die Evakuierung bei uns war wohl das Risiko, dass der Horchheimer Damm bricht. Ich kenne diesen Damm von meinen Touren an der Erft. Als ich den Damm und das dahinterliegende Hochwasserrückhaltebecken zum ersten Mal sah, wunderte ich mich doch sehr.

Er ist 840 m lang, 5 m hoch und das Hochwasserrückhaltebecken fasst 1,4 Millionen m³. Augenscheinlich ist die Anlage für einen kleinen Fluss, wie der Erft, überdimensioniert. Dachte ich.

Die Flutwelle hat das Becken in relativ kurzer Zeit komplett gefüllt. Und sogar mehr als das. Das Wasser lief über die Dammkrone und beschädigte den Damm schwer. Ich bin kein Fachmann, aber das sieht für mich nach einer sehr kritischen Beschädigung aus. Vor allem, wenn das Becken so voll ist und der Wasserdruck auf die gesamte Höhe und Länge des Damms wirkt.

Durchlassbauwerk
Das Durchlassbauwerk des Damms hat zwei solcher Durchlässe. Der Blick geht flussaufwärts.

Der Damm wurde kontrolliert abgelassen, was auch immer das im Detail heißt. Hinter dem Damm hat die Erft sich wohl zwei neue Wege gegraben. Was passiert wäre, wäre der Damm gebrochen, will ich mir gar nicht ausmalen.

Wie es mit dem Damm weiter geht, steht wohl noch in den Sternen. Es kann sogar sein, dass der Damm komplett neu gebaut werden muss. Ich hoffe nur, dass es nicht ewig dauert, wie so viele Bauprojekte in Deutschland.

Jetzt kommen ein paar Panoramabilder, die sollte man sich in groß anschauen. Dafür einfach drauf klicken.

Ein Kunstrasenplatz wurde von der Flutwelle aufgefaltet

Flutkatastrophe 2021: Schäden

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Wasser ist ein besonderer Stoff. Ohne Wasser gäbe es kein Leben auf der Erde. Wasser ist aber auch eine Naturgewalt. Es ist flüssig und damit weiche als z.B. Stein. Und dennoch kann Wasser im wahrsten Sinne des Wortes Berge versetzen. Manchmal dauert so ein Vorgang Jahrmillionen, manchmal braucht es aber auch nur ein paar Stunden.

So hat die Flutwelle in nur wenigen Stunden fast ganze Ortschaften hinweggefegt. Häuser, Straßen bis runter zur Kanalisation, Autobahnen, Brücken, Firmen, Schulen, Krankenhäuser, ich könnte lange so weiter machen. Vielerorts hat es die Infrastruktur stark beschädigt oder gar zerstört. Kein Strom, kein Wasser, kein Gas, kein Mobilfunk, usw. Und natürlich die ganzen Todesopfer. Die Bilder aus den Nachrichten sind so surreal, wie ein Hollywood-Blockbuster. Den Ort, in dem ich lebe, hat es zum Glück nicht ganz so schlimm getroffen. Es war nicht der ganze Ort betroffen. So weit ich weiß, stehen alle Häuser noch und es gab keine Todesopfer.

Nach ein paar Tagen, als es die Zeit zuließ, habe ich angefangen mich in der näheren Umgebung umzuschauen. Wie im ersten Artikel der Serie angekündigt, habe ich keine Bilder direkt von Betroffenen gemacht. Ich habe mich aus Pietätsgründen mehr auf die öffentlichen Bereiche konzentriert. Natürlich ist so ein Ereignis und die daraus folgenden Schäden auf eine Art faszinierend. Sensationsgeilheit ist aber bei mir nicht der eigentliche Grund. Zum einen wollte ich das für spätere Zeiten dokumentieren, zum anderen verstehen. Warum verstehen? Nun, ich glaube, etwas zu verstehen ist die beste Art mit der Angst davor umzugehen. Aus diesem Grund habe ich auch meinen Sohn zu manchen meiner Touren mitgenommen. Viele haben den inneren Impuls ihre Kinder zu schützen, indem sie sie versuchen abzuschirmen. Das mag im Einzelfall auch richtig sein, bei uns aber eher nicht. Er hat vieles mitbekommen, ich kann nicht einfach so tun, als wäre nichts gewesen. Als Kleinkind hat er vermutlich vieles davon nicht verstanden. Also habe ich ihm gezeigt und vor allem auch erklärt, was passiert ist und dass das Wasser nun weg ist, und wir sicher sind. Ich habe mir an vielen Stellen angeschaut, bis wohin das Wasser gekommen ist, wo es lang geflossen ist, welche Schäden es wo angerichtet hat. Damit bekomme ich ein Gefühl dafür, wenn es so ein Ereignis noch mal geben sollte. Was ich nicht hoffe. Aus Erfahrung wird man klug.

Direkt nachdem sich das Wasser zurückgezogen hat, haben die Betroffenen mit den Aufräumarbeiten begonnen. Davon habe ich bereits berichtet. Dabei sind riesige Berge an Müll entstanden. In meinem Ort gab es zwei große Sammelstellen, zu denen über Wochen hinweg Müll angeliefert wurde. Parallel dazu hat ein großer Radlader LKWs mit dem Müll beladen, die ihn dann zu Müllverbrennungsanlagen gefahren haben. Obwohl das quasi die ganze Zeit so ging, sind die Müllberge über Wochen hinweg nicht geschrumpft. Bis heute stehen vor vielen Häusern Container, in denen die Anwohner ihren Bauschutt abladen.

Manche Straßen wurden stark beschädigt. Man musste so einige Umwege fahren. Die Wege direkt an den Flüssen wurden stark beschädigt und teilweise weggefräst.

Viele Bereiche fühlen sich unter den Füßen an, wie ein trockenes Flussbett. Bäume wurden unterspült, Fluss- und Bachläufe mit Schutt gefüllt. Ganze Sandbänke haben sich gebildet. Die Ernte vieler Bauern ist zerstört.

In und um die Flüsse herum fand sich viel Zeug, was das Wasser irgendwo mitgerissen hat.

Brücken wirkten wohl wie Trichter. Vor der Brücke hat sich das Wasser recht hoch angestaut, und auf der anderen Seite muss das Wasser wie aus einem Hochdruckreiniger rausgeschossen sein. Unter dieser Brücke führte früher ein Fußweg durch, so dass man unter der Brücke auf die andere Seite kommen konnte. Dieser Weg hört jetzt vor der Brücke einfach auf.

Die Sportanlagen hat es auch hart getroffen. Geräte, die fest im Boden verankert waren, sind umgekippt. Zäune wurden zur Erde gedrückt. Der Tennis-Club wurde stark verwüstet, das Club-Gebäude so unterspült, dass man drunter her gucken konnte. Garagentore wurden zerdrückt, als wären sie aus Papier.

Selbst wenn man all das mit eigenen Augen gesehen hat, ist es irgendwie immer noch unfassbar. Die Erft, ein kleiner Fluss, war zweitweise breiter als der Rhein. Mir wäre so etwas früher nie in den Sinn gekommen, dass so etwas überhaupt passieren könnte.

Im nächsten Blog-Beitrag berichte ich über den Damm in Horchheim: Flutkatastrophe 2021: Horchheimer Damm

In einem Kellerraum steht eine Person in Gummistiefeln im verschlammten Wasser der Flut

Flutkatastrophe 2021: Der Tag danach

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Am nächsten Morgen, dem Tag nach der Flut, habe ich beim Frühstück ins Internet geschaut. Dort waren viele Postings zu finden, in denen Menschen versucht haben ihre Freunde und Angehörigen zu erreichen. Da in den betroffenen Gebieten kein Strom und kein Mobilfunk zur Verfügung stand, war man dort quasi von der Außenwelt abgeschnitten.

Nach dem Frühstück haben meine Frau und ich uns auf den Heimweg gemacht. Unser Sohn blieb die nächsten Tage bei seinen Großeltern. Der Weg nach Hause war nicht einfach und langwierig. Staus und Sperrungen zwangen uns immer wieder eine Ausweichroute zu nehmen. Erstaunlicherweise war das Hochwasserrückhaltebecken des Damms, der uns Tags zuvor bedroht hat, leer.

Nach einer 2-stündigen Fahrt haben wir es endlich geschafft. In unserer Straße herrschte schon geschäftiges Treiben. Überall liefen Diesel-Stromgeneratoren und Pumpen. Es hörte sich an, wie eine Armee aus Rasenmähern. Überall wurde auf- und ausgeräumt. So, wie es auf den ersten Blick aussah, ist das Wasser nicht weiter gestiegen, denn ich habe keine weiteren Schäden gesehen. Im Gegenteil. Nach einer kurzen Inspektion habe ich festgestellt, dass sich das Wasser komplett zurückgezogen hat. Später hat mir ein Nachbar erzählt, dass sich das Wasser bereits am Nachmittag des vorherigen Tages zurückgezogen hat. Es war also tatsächlich eine große Flutwelle, gefühlt wie ein Tsunami.

Als ich ins Haus ging, empfing mich direkt dieser muffige, modrige Geruch. Aber das Erdgeschoss war unversehrt. Yay! Ein Blick in den Garten und ich war erstaunt. Nur noch der abgelagerte Schlamm zeugte von einer Flut. Sonst sah alles fast aus, wie früher. Ok, cool. Dann ging es in den Keller. Als wir das Haus fluchtartig verlassen mussten, habe ich den Keller schon abgeschrieben. Meine Vermutung und Hoffnung waren, dass der Keller zwar voll läuft, aber es dabei bleibt. Die Treppe oben war trocken und sauber. Ich ging weiter runter, es blieb weiter trocken und sauber. Erst ganz unten fand ich knöcheltiefes Wasser mit etwas Sand drin. Mir ist ein ganzer Felsbrocken vom Herzen gefallen. Klar, die Situation war alles andere als schön. Das bedeutete viel Zeit, Geld, Arbeit und Nerven, aber dennoch, damit kann ich umgehen. Das kriege ich geregelt.

Als allererstes haben wir versucht die großen Elektrogeräte (Kühlschrank, Gefrierschrank) zu retten. AM Tag zuvor habe ich alle Geräte ausgesteckt und später auch den FI-Schalter ausgeschaltet. Musste das nutzen, was ich zur Verfügung hatte, als haben wir die Sachen auf Getränkekisten hochgebockt. Diese Kisten sind robust und Wasser macht ihnen nicht viel aus. Ob die Geräte noch funktionieren, konnte ich ohne Strom nicht feststellen.

Danach haben wir angefangen Regale im Keller auszuräumen und nach oben zu schleppen. Die Wände und der Boden müssen frei gemacht werden, damit man sie reinigen und trocknen kann. Im Laufe des Tages fiel mir auf, dass das Wasser sich von allein immer weiter zurückzog. Da ich weder Stromgenerator noch Pumpe hatte, kam mir das sehr gelegen. Mir fielen dann die Worte meines direkten Nachbarn ein. Er pumpte fleißig seinen Keller aus und wunderte sich, dass das Wasser so langsam sank. Da es sich bei uns beiden um Grundwasser handelte, dass durch den Pumpensumpf hoch gedrückt wurde, sank bei mir logischerweise das Wasser, indem er das Grundwasser bei sich abpumpte. Grundwasser macht ja nicht an der Grundstücksgrenze halt.

Abends sind wir wieder zum Übernachten zu meinen Eltern gefahren. Dort war ich abends noch spazieren und bin extra zur Erft gegangen, um mich zu vergewissern, dass dort keine Gefahr mehr drohte. Der Fluss war tatsächlich ziemlich voll, aber aus meiner Sicht drohte keine Gefahr mehr.

Und so ging es die nächsten Tage weiter. Ich habe die Holzvertäfelung im Keller von der Wand gerissen, mit der Hilfe einer guten Freundin und meiner Schwägerin de Keller so weit gereinigt, getrocknet und geräumt, dass man nur noch abwarten konnte. Weiterhin sorgte uns noch die Steinbachtalsperre, deren Damm ziemlich beschädigt war und zu brechen drohte. Dieses Wasser hätte uns vermutlich nicht direkt getroffen, aber es hätte die Erft vermutlich zurückgestaut, was durchaus ein Problem hätte sein können. Zum Glück ist das nicht eingetroffen.

Nach dem Haus war der Garten dran. Ich habe zufällig ca. 2 Wochen vor der Flut das Gartenhaus aus- und aufgeräumt. Vorher war es rappelvoll, jetzt relativ leer. So war auch hier der Schaden sehr gering. Auf meinem Rasen fand ich die Goldfische aus dem Gartenteich meines Nachbarn. Und ein Maulwurf hat offensichtlich versucht zu flüchten. Er hat 8 oder 9 Hügel, wie an einer Perlenschnur aufgereiht, weg vom Wasser gebuddelt. Ich habe mir lange Sorgen um unseren Igel gemacht, aber ich meine ich habe ihn letztens abends gehört, also scheint er es geschafft zu haben.

Zwischendurch habe ich auch immer wieder mit verschiedenen Nachbarn gesprochen. Viele hatten kaum Möglichkeiten sich zu informieren. Da ich abends immer zu meinen Eltern fuhr, wo es Strom und Internet gab, konnte ich ein wenig berichten. Es kursierten auch viele (falsche) Gerüchte in der Nachbarschaft. Das ging sogar so weit, dass behauptet wurde, man wolle irgendeinen Damm sprengen. Was absolut keinen Sinn machte, aber in so einer Situation drehen die Menschen am Rad.

Manche Nachbarn hielten nachts Wache, denn es ging das Gerücht von Plünderungen um. Und tatsächlich, zwei Straßen weiter haben Einbrecher versucht in ein Haus einzusteigen. Der Eigentümer war aber zu Hause und verjagte die Plünderer mit einem Knüppel. Auf der Flucht haben sie ihr Auto zurückgelassen und er reagierte sich an diesem aus. Ich wollte das zunächst nicht glauben, aber das Auto stand da noch recht lange.

Irgendwann waren wir so weit, dass wir ohne Strom nichts mehr machen konnten. Der Strom ist am Donnerstagmorgen ausgefallen. Am Dienstagabend ging dann eine ganze Heerschar von Westnetz-Technikern durch die Straßen. Die haben die Schaltkästen in den Häusern inspiziert und dann den Strom nach und nach frei geschaltet. Ich habe sie in einer anderen Straße abgefangen und sie sagten mir, dass mein Haus schon Strom hätte. Ich bin schnell nach Hause gerannt, habe den FI-Schalter eingeschaltet und so meine Frau überrascht. Wir sind uns in die Arme gefallen. In diesen Tagen hat man gemerkt, wie extrem abhängig wir davon sind. In vielen Häusern war es tagelang stockdunkel, weil die elektrischen Rollläden nicht mehr hoch fuhren. Garagentore ließen sich nicht mehr öffnen. Smart Homes waren plötzlich ziemlich stupid.

Ein großer gelber Bautrockner steht in einem Kellerraum
Bautrockner im Einsatz

Der Arbeitgeber meiner Frau hat eine 24-Stunden-Hotline für betroffene Mitarbeiter eingerichtet. Die haben sogar große Bautrockner in Polen bestellt und kostenlos den Mitarbeitern zur Verfügung gestellt.

Eines Abends hat der Nachbar von gegenüber seinen Grill und ein paar Bierbänke vors Haus gestellt und es kamen einige Nachbarn auf ein Bierchen zusammen. Da gab es einige wirklich nicht schöne Geschichten zu hören. Es schien so, als wäre mein Haus genau auf der kritischen Grenze gewesen. Die Keller der Häuser, die Richtung Erft an meinen Garten grenzen, sind komplett vollgelaufen. In dem Haus gegenüber, einfach nur über die Straße, hat der Eigentümer nur ein paar Eimer Wasser aus dem Pumpensumpf geholt, und das war’s.

Erstaunlich war die Hilfsbereitschaft sowohl unter den Nachbarn (bisher kannte ich die meisten nicht), wie auch von wildfremden Menschen. Es sind ganze Trupps von jungen Menschen von Haus zu Haus gegangen und haben Häuser ausgeräumt, Container voll geladen und geholfen, wo es notwendig war. Das ist hier eine eher ruhige Wohnsiedlung. Es war hier aber so viel los, das kann man sich gar nicht vorstellen. Es kamen Leute mit Anhängern voller Pumpen und Generatoren. Leider haben sie nicht bedacht, dass es kein Internet gibt. Navi übers Internet oder Koordination über z.B. Facebook war vor Ort nicht möglich.

Ein Fahrrad mit Gummistiefeln und Arbeitshandschuhen
Mein Fluttbekämpfungsmobil

Auch ich habe versucht mich nützlich zu machen, als hier nicht mehr so viel zu tun war. Hier leben auch viele ältere Menschen, die das allein niemals stemmen könnten. Also Gummistiefel und Handschuhe aus Fahrrad und mal in der weiteren Nachbarschaft rumgefahren und gefragt, wo noch Hilfe nötig sei. Tatsächlich war da nicht mehr viel zu tun für mich, also nutze ich die Gelegenheit mit diesen älteren Menschen zu sprechen. Viele nicht schöne Geschichten.

Verantwortung und Zukunft

Natürlich entbrannten schon kurz nach der Katastrophe Diskussionen über die Verantwortung. Angeblich wurde bei uns per Sirene gewarnt. Aber weder meine Nachbarn noch ich haben was mitbekommen. Ich wurde von einem fremden Mann geweckt, und ich wiederum holte meine Nachbarn raus. Letztes Jahr gab es ja diesen großen Test der Warnanlagen. Seitdem scheint nicht viel passiert zu sein. An der Ahr und auch an der Erft sind viele Warnungen entweder nicht weitergegeben oder ignoriert worden. Zwischen Verwaltungen, Politik und Rettungskräften fing direkt ein Zuständigkeits-Pingpong und Verantwortungsdiffusion an. Anscheinend haben wir einen Schönwetter-Katastrophenschutz. Auch während und nach der Flutwelle gab es meiner Meinung nach viel Chaos, weil es keine Führung von oben gab. Private Helfer waren oft viel früher und länger vor Ort, als Feuerwehr, THW oder Bundeswehr. Den einzelnen Rettungskräften mache ich keinen Vorwurf, sondern der Hierarchie weiter oben. Als Laschet (CDU) dann in einem Interview sagte „Weil jetzt so ein Tag ist, ändert man nicht die Politik“, war ich so dermaßen wütend. Er hätte sich ebenso gut auf die Trümmer eines Hauses stellen, dort einen großen dampfenden Haufen legen können und die Leute „Ihr könnt mich alle mal! Ihr könnt mir nix! Ich bin ja nicht betroffen!“ rufen können. Mich würde auch der Witz interessieren, der ihn an der Ahr so zum Lachen gebracht hat. Das muss der Witz des Jahrtausends gewesen sein, denn er hat ihn den Anblick und die Menschen um ihn herum vergessen lassen. Das ist ein ganz neues Arschlochlevel, das er da erreicht hat.

Es war ein höchst ungewöhnliches Ereignis. Von meinem Ort gibt es zwei Hochwasserkarten. Eine 10-Jahres- und eine 200-Jahres-Hochwasserkarte. Diese Karten zeigen, wie hoch das Wasser statistisch alle 10 oder 200 Jahre steigen kann. Und die Karten zeigen, dass das Wasser noch weit weg von meinem Grundstück hätte halten sollen. Ob man das hätte wissen können? Ich meine ja. Wie ich hier bereits geschrieben habe, gab es entsprechende Warnungen seitens der Meteorologen. Ich wusste damals nicht, was das bedeutete, und wenn es mir jemand exakt vorhergesagt hätte, was passieren wird, hätte ich es vermutlich nicht geglaubt. Aber ich bin ja auch kein Fachmann und nicht für eine Gemeinde oder einen Kreis oder ein Bundesland verantwortlich. Von diesen Leuten erwarte ich, dass sie die Lage zumindest ansatzweise korrekt einschätzen. Jetzt sind die meisten davon damit beschäftigt ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Das ist für die Betroffenen zusätzlich belastend.

Es gab auch viele Stimmen, die versucht haben, das Ganze herunter zu spielen. Das sei nur ein normales Hochwasser, solche gab es doch schon immer. Wer so etwas behauptet, der ist entweder saudumm, ignorant, hat in den letzten Jahren in einer dunklen Höhle gelebt oder ist ganz einfach niederträchtig. Ja, es gab auch schon früher Hochwasser. Wenn man sich die Pegel der letzten großen Hochwasser an der Ahr anschaut, dann wird man feststellen, die waren deutlich niedriger. Damals sind zwar auch Menschen ums Leben gekommen, aber damals gab es auch nicht die Möglichkeiten zur Vorsorge oder Rettung, wie heute. An der Erft gab es noch nie etwas Vergleichbares. Nicht mal ansatzweise. Das ist aber nicht alles. Zur gleichen Zeit oder kurz darauf gab es Hochwasser in Sachsen, Bayern, Österreich, China, Japan und der Türkei. Währenddessen sind ganze Landstriche anderswo in Europa und der ganzen Welt buchstäblich verbrannt. An Orten, wo normalerweise das Thermometer nie über 15 Grad klettert, gab es wochenlang Temperaturen über 30 Grad. Und die drei Jahre davor gab es bei uns extreme bis dahin nicht gekannte Dürren. Wie viele Warnschüsse brauchen wir noch? Wie viele Menschen müssen noch sterben? Klimaschutz ist teuer? Derzeit kursiert ein Betrag von 30-60 Milliarden an Flutschäden. Ich gehe mal davon aus, das wird tatsächlich noch deutlich mehr werden. Und das war nur ein Ereignis. Und solche extremen Ereignisse werden in Zukunft das neue Normal. Können wir uns das wirklich leisten? Viele (ältere) Menschen wird das vielleicht nicht mehr betreffen, aber im Prinzip rauben wir unseren Nachkommen die Zukunft. Wie werden wohl zukünftige Generationen über uns denken? Im vollen Wissen und Bewusstsein über das Problem, die Auswirkungen und mögliche Lösungen haben wir befunden, dass die Wirtschaft und der jetzige kurzfristige Wohlstand wichtiger sind als die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Wir führen gerade ein extrem risikoreiches und gefährliches Experiment am offenen Herzen durch. Noch mal, was werden wohl zukünftige Generationen über ihre Eltern und Großeltern denken?

Im nächsten Blog-Beitrag berichte ich über die Schäden in der Umgebung: Flutkatastrophe 2021: Schäden

Ein Gartenhaus, ein Trampolin und ein Klettergerüst stehen im braunen Wasser

Flutkatastrophe 2021: Flutwelle

Hier kannst Du den vorhergehenden Artikel der Flutkatastrophe 2021-Reihe lesen: Flutkatastrophe 2021: Starkregen.

Und ich sollte (leider) Recht behalten. Ein Klopfen, nach so einem Tag, um 5.30 Uhr in der Früh verheißt meistens nichts Gutes. An der Haustür traf ich einen sichtlich aufgeregten mir fremden Mann an, der mich fragte, ob das mein Auto in meiner Garageneinfahrt wäre. Das Wasser kommt, und alle bringen ihre Autos in höher gelegene Bereiche des Ortes in Sicherheit. Ich zog mir schnell was über, lief zur kleinen Kreuzung 2 Häuser weiter, um die Lage zu prüfen. Auf der Kreuzung standen eine Hand voll Feuerwehrleute und die Straße, die Richtung Erft führt, war schon überflutet. Menschen kamen mir von dort watend entgegen.

Hochwasser an der Erft sin einer Straße
Das ist die Straße, die Richtung Erft führt. Zwei Häuser links davon ist mein Haus.

SCHOCK!

Eben habe ich noch geschlafen, plötzlich finde ich mich in einem Alptraum wieder. Tatsächlich musste ich mich vergewissern, dass ich nicht noch schlafe und träume.

Es war für mich in der kurzen Zeit nicht wirklich ersichtlich, wie schnell das Wasser steigt, wohin es fließen wird und bis wohin es steigen würde. Ich habe mich an die dort stehenden Feuerwehrleute gewandt, und die meinten nur, der Damm weiter die Erft hinauf läuft über und droht zu brechen. WTF?!? Dieser Damm ist echt lang und das Becken dahinter riesig. Wie kann das sein?

Straßen in einer Wohnsiedlung sind durch die Flutwelle der Erft überflutet.
Wenn man auf dem Bild ganz oben in die Straße rechts einbiegt, dann sah man das. Das Wasser sieht ruhig aus, aber es hatte schon eine ordentliche Strömung.

Ich also schnell brüllend ins Haus gelaufen: „Zieht euch sofort an, das Wasser kommt!“. Für die korrekte Reihenfolge der folgenden Ereignisse kann ich nicht garantieren, ich erlebte alles, wie in Trance. Mein Sohn, der bis dahin geschlafen hatte, war natürlich nicht ausgeschlafen und verwirrt. Man kann sich vorstellen, wie „kooperativ“ er war. Ich bin ins Auto gesprungen und habe es auf den Parkplatz eines höher gelegenen Supermarkts gefahren. Dann bin ich so schnell ich konnte wieder zurück gerannt.

Zu Hause haben wir weiter Zeug aus dem Keller nach oben geschleppt. Ein Blick aus dem Wohnzimmerfenster zum Garten hin hat mir das Blut in den Adern gefrieren lassen. Die hintere Hälfte des Gartens war mit einer braunen Brühe gefüllt. Ich habe direkt gesehen, das ist kein Regenwasser. Die Erft steht bei mir im Garten. Noch mal: WTF?!?

Ein Gartenhaus, ein Trampolin und ein Klettergerüst stehen im braunen Wasser
Die hintere Hälfte meines Gartens ist durch die Erft überflutet

Nach kurzer Zeit habe ich gesehen, das Wasser steigt zwar, aber zum Glück nicht so schnell, wie befürchtet. Ich habe einen Nachbarn gebeten mich zu dem Supermarkt zu fahren, ich wollte das Auto zurückholen, um es voll zu packen und damit flüchten zu können. Nachdem ich das Auto geholt habe, habe ich es auf dem Parkplatz eines Nachbarn auf der gegenüberliegenden Straßenseite abgestellt, damit wenn das Wasser kommt, das Auto möglichst weit weg davon steht. Wir haben angefangen die wichtigsten Dinge, die wir bräuchten, ins Auto zu packen. Mein Sohn hat sich im Auto auf seinen Sitz gesetzt. Er hat dort ein Tablet auf dem Zeichentrickfilme drauf sind. Er hat dann einfach Filme geschaut. Unsere alte Katze habe ich in eine Transportbox gepackt und neben das Auto gestellt.

Ein vollbepacktes Auto mit geöffneter Heckklappe steht auf einem Bürgersteig, eine Tiertransportbox steht daneben
Mein Auto ist bepackt und bereit zur Flucht

Als ich so am Auto stand, fiel mir das Haus unserer alleinstehenden 87-jährigen Nachbarin auf. Ob sie wohl schon raus ist? Was wenn nicht? Ich habe versucht zu klingeln und habe laut geklopft und gerufen. Nach einiger Zeit stand sie verschlafen in einem Schlafrock in der Tür. Ich habe versucht ihr in knappen Worten die Situation zu erklären, aber ich hatte das Gefühl, sie sei ziemlich verwirrt. Also habe ich mir 2 Feuerwehrleute geholt, damit sie sieht, dass die Situation wirklich ernst ist. Die Feuerwehrleute haben mich gebeten uns um die Dame zu kümmern. Ok, ich hatte noch einen Platz im Auto frei, würde sie also mitnehmen. Die Dame ist rein gegangen, um sich anzuziehen und kam erst mal nicht wieder. Nach längerer Zeit kam sie doch noch raus, war aber immer noch sehr verwirrt. Ich bin also mit ihr in ihr Haus gegangen und habe versucht das Wichtigste mit zu nehmen. Gehstock, Rollator, Handtasche, …was noch? Ach ja, ältere Menschen brauchen oft Medikamente. Also noch schnell einen ganzen Batzen an Medikamenten eingepackt und raus. Sie meinte, sie hat ja ein eigenes Auto und könne selbst fahren. Das tat sie dann auch.

Irgendwann haben die Feuerwehrleute gesagt, das ist die letzte Warnung, wir evakuieren. Sie haben sich dann auch auf ihren LKW gesetzt und sind hochgefahren. Ich wäre noch gerne länger geblieben, aber ich habe eine Verantwortung meiner Familie gegenüber. Vor dem Gehen habe ich noch einen Blick in den Garten geworfen. Das Wasser stand schon kurz vor der Terrasse. Auf der Terrasse habe ich einen Lichtschacht zum Keller. Wenn das Wasser bis dahin kommt, dann ist der Keller verloren.

Gartenhaus, Trampolin, fast der ganze Garten sind mit braunem Wasser überflutet
Die Gärten bilden ab meinem Garten eine einzige Wasserfläche. Bis zu meiner Terrasse fehlt nicht mehr viel.

Der Augenblick, in dem ich den Schlüssel in der Haustür umgedreht und raus gezogen habe, war einer der schlimmsten in meinem Leben. Wir sind jetzt Flüchtlinge. Ich weiß nicht, was weiter mit uns oder unserem Haus passieren wird. Die Aussichten sind sehr düster. Die Gemeinde hat wohl eine Notunterkunft und Sammelstelle in einer Schule eingerichtet, da wollten wir zuerst hin. Die ersten zwei Straßen, die wir angefahren haben, waren schon nicht mehr befahrbar. Kurz entflammte Panik in mir. Was ist, wenn wir nirgendwo mehr hochkommen und das Auto mit dem ganzen Zeug darin zurücklassen müssen? Die dritte Straße war gerade noch befahrbar. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so übel ist.

In der Notunterkunft habe ich meinen Nachbar mit den zwei kleinen Kindern getroffen. Der Strom ist im ganzen Ort ausgefallen. Gleiches gilt für Mobilfunk inkl. mobiles Internet. Man konnte sich nicht informieren oder anderen sagen, wie die Lage ist. Vor Ort wusste auch niemand irgendwas. Ich habe mich dort mit ein paar Leuten unterhalten. Dort war z.B. auch eine Frau, die schon seit 5 Uhr morgens dort war, weil sie aus einem Ort unterhalb der Steinbachtalsperre stammte. Die Talsperre drohte zu brechen und alle Orte unterhalb der Talsperre wurden evakuiert. Sie hatte 2 Kaninchen dabei, meinte aber, andere Tiere musste sie leider zurücklassen. So, wie viele andere Menschen auch.

Nach vielleicht zwei Stunden wurde mir klar, so wird das nichts. Ich habe ein kleines und lebhaftes Kind und eine Katze in einer Box dabei. Das wird mit den beiden und so einer Notunterkunft auf Dauer nicht funktionieren. Und da ich weder wusste, wie die Lage ist oder wie lange wir in der Notunterkunft bleiben müssten, habe ich mich entschieden zu versuchen zu meinen Eltern zu kommen. Mein Sohn sollte an diesem Tag eh ein verlängertes Wochenende bei den Großeltern verbringen. Ich dachte mir, alles ist besser als das hier. Und wenn es nicht klappt, dann kommen wir halt zurück. Tja, falsch gedacht. Da wusste ich nämlich noch nicht, was um uns herum los war.

Die Autobahnauffahrt, die unserem Haus am nächsten war, war unerreichbar. Denn zwischen uns und der Autobahn war die Erft. Also haben wir versucht in einen Nachbarort zu kommen und von dort auf die Autobahn zu kommen. Doch auch hier kamen wir nicht weit. Ich habe vergessen, dass wir dort die Swift, überqueren mussten. Mir ist auch nicht in den Sinn gekommen, dass dieser Bach ein Problem darstellen könnte. Doch die Unterführung war auf ca. 150 m überspült und in der Ferne sah ich, da wo die Swift ist, das Wasser hoch spritzen und mit einem Druck durch jagen, als wäre es der Colorado River. Noch ein Schock.

Ich habe also gewendet und bin zur dritten und letzten Möglichkeit gefahren, um auf die Autobahn zu kommen. Dort war die Auffahrt Richtung Süden schon gesperrt. Auf dem Weg zur Auffahrt Richtung Norden standen Autos an der Seite, was schon ungewöhnlich war. Ein Auto stand sogar mit den Hinterrädern auf der Wiese, und mit den Vorderrädern auf der Straße. Da wurde mir klar, hier ist Wasser in großen Mengen durchgekommen und das Auto wurde dahin gespült. Die Auffahrt war zum Glück noch offen. Von da aus sah es zunächst gut aus. Wir waren auf dem Weg zu meinen Eltern. Ob es dort sicher war, wusste ich nicht, denn der Ort, in dem sie wohnen, liegt auch an der Erft. Allerdings wohnen sie deutlich weiter weg von der Erft. Aber wer weiß. Anrufen oder schreiben konnte ich ja nicht. Was Besseres fiel mir aber auch nicht ein, denn egal wo ich hin wollen würde, ich muss irgendwie über die Erft.

Die Autobahn ist teilweise etwas erhöht, so dass man auch etwas vom Umland sehen konnte. Der nächste Schock. Rechts und links der Autobahn waren ganze Landstriche überflutet. So etwas kannte ich bis dahin nur aus dem Fernsehen. Ich konnte das Ganze immer noch nicht begreifen. Was war geschehen? Es hat doch gestern aufgehört zu regnen. Die Erft ist nur ein kleiner unbedeutender Fluss. Die Swift nur ein Bach. Was zum Geier ist hier los?

Leider kamen wir nicht weit. Hinter dem nächsten Autobahnkreuz kamen wir in einen Stau. Irgendwann war nur noch kompletter Stillstand. Wir standen da recht lange, irgendwann kam von hinten die Feuerwehr und hat Getränke verteilt und Hilfe angeboten. Ich habe dort einen Mann kennengelernt, der mit zwei kleinen Jungs unterwegs war. Sie haben auf der Autobahn Fußball gespielt. Ich holte meinen Sohn dazu, damit er sich nicht langweilt und auch etwas Bewegung bekommt. Das war wirklich toll. Der Mann berichtete mir, er kommt gerade aus Euskirchen. Dort ist die Innenstadt überflutet, Autos stapeln sich in den Straßen. Euskirchen? Ernsthaft, Euskirchen? Wie ist das möglich? Er war zufälligerweise zum gleichen Ort unterwegs, auch zu seinen Eltern. Na das nenne ich mal Zufall.

Autos von DLRG ziehen Boote auf Anhängern auf der Autobahn
DLRG-Konvoi auf dem weg in die Katastrophen-Gebiete

Als wir da so standen, kamen viele Wagen von THW, DLRG, und anderen Organisationen entgegen. Ganze Konvois. Mit vielen Booten. Da ich noch immer nicht wusste, was genau los war, kam mir das irgendwie zu viel vor. Ich sollte mich irren. Und wie.

Nach über drei Stunden hat die Polizei die Autos die Autobahn in die „falsche“ Richtung rückwärts und damit Richtung Süden abzuleiten. Eigentlich die falsche Richtung für uns, aber wir hatten keine andere Wahl. Was ich da noch nicht wusste, die Autobahn vor uns und auch einige Kilometer hinter uns, war zerstört. Wir sind dann einfach weiter gefahren bis Euskirchen. Von da aus wusste ich, wie ich über Landstraßen zu meinen Eltern kommen kann. Aber auch die Strecke hat uns viel Zeit gekostet, Sperrungen und Staus zwangen uns auf Umwege. Nach über 5 Stunden sind wir erschöpft, aber wohlbehalten bei meinen Eltern angekommen. Eine Strecke von 35 km, für dich ich normalerweise 20-30 Minuten brauche.

Bei meinen Eltern haben wir dann Nachrichten geschaut. Der nächste Schock. Die Bilder, die ich da sah, waren so surreal, ich hatte das Gefühl einen Katastrophen-Blockbuster aus Hollywood zu schauen. Wir saßen da und waren einfach fassungslos. Die Bilder kennst Du sicher auch aus den Nachrichten. Falls nicht, einfach mal danach suchen. Orte wurden teilweise weg geschwemmt. Menschen sind gestorben. Und mehrere Talsperren drohten noch zu brechen. Ein Alptraum. Mir ging es richtig schlecht. Die Ungewissheit, was mit unserem Haus ist und die Befürchtung, das Wasser könnte auch zu meinen Eltern kommen, machten mich einfach fertig. Wenig Schlaf, dazu der psychische und physische Stress haben ihren Tribut gefordert. Mein Kopf schien zu platzen, ich musste 3 Ibus einwerfen. Ich war so platt, dass ich mit dem Kopf im Schoß meiner Frau auf dem Sofa eingeschlafen bin. Ich schlaffe normalerweise nie auf dem Sofa ein, egal wie spät es ist. Später im Bett habe ich sehr unruhig geschlafen, weil ich ständig darauf gehört habe, ob ich irgendwelche Anzeichen für steigendes Wasser höre….

Im nächsten Blog-Beitrag schreibe ich dann über den ersten Tag nach der Flut: Flutkatastrophe 2021: Der Tag danach

Meine Füße stehen knöcheltief im Wasser auf meinem Rasen

Flutkatastrophe 2021: Starkregen

Nach etwas hin und her habe ich mich dazu durchgerungen eine Blog-Serie über die Flutkatastrophe 2021 zu schreiben. Es soll weniger eine allgemeine Berichterstattung werden, ich möchte her meine Erlebnisse und Gedanken dazu für die Zukunft niederschreiben. Natürlich werde ich nicht alle Einzelheiten berichten, aber es wird sicher auch das eine oder andere Nichtige dabei ein. Die Fotos habe ich teilweise mit meiner „Großen“ (Fujifilm X-E3) gemacht, teilweise aber auch mit dem Smartphone. In der „heißen“ Phase hatte ich nur das Smartphone zur Hand. Bei den nicht persönlichen Bildern habe ich darauf geachtet möglichst keine anderen Betroffenen zu kränken. Am eigenen Leib habe ich nämlich erfahren, wie es sich anfühlt wie ein Zootier beglotzt zu werden. Daher sind diese Bilder eher von öffentlichen Räumen.
Los geht’s.

Es ist Mittwoch, der 14.07.2021. Meine Frau und ich haben Urlaub, unser Sohn hat Ferien. Es regnet den ganzen Tag. Eine Freundin ist mit ihren Kindern zu Besuch. Bereits in den vorangehenden Tagen wurde Starkregen z.B. im WDR-Fernsehen von Sven Plöger angesagt und vor steigenden Pegeln gewarnt. Ich habe das gemerkt und zur Kenntnis genommen, mir aber weiter keine besonderen Sorgen gemacht. Zum einen sind solche l/m² Angaben bisher recht abstrakt für mich gewesen, zum anderen gab es in der näheren Umgebung nichts, was mir bis dahin als Risiko erschien. Zwar wohne ich seit etwas über 4 Jahren im eigenen Haus, welches Luftlinie etwas über 200 m von der Erft liegt. Das hört sich im Nachhinein nicht viel an, für mich war das aber bisher nie ein Problem. Ich lebe fast mein ganzes Leben in der Nähe der Erft und habe bisher auch schon so manches Hochwasser erlebt, bei denen der Fluss auch über die Ufer getreten ist. Bisher war das nie ein größeres Problem. Die Erft ist zu großen Teilen leider stark begradigt, dennoch hat sie in meiner näheren Umgebung viel Auslauffläche (Felder, Ostwiesen, Naturschutzgebiete) und ein paar Dörfer flussaufwärts ist auch ein richtig großer Damm. Als ich den Damm das erste Mal gesehen habe, wunderte ich mich, wozu man bei einem so kleinen und ruhigen Fluss einen solchen Damm braucht.
Auch mit Starkregen habe ich auch schon Erfahrung gemacht. Als Jugendlicher und junger Mann, als ich noch im Haus meiner Eltern wohnte, hatte ich dort im Souterrain eine kleine Wohnung. Aufgrund Gegebenheiten, wie bauliche Mängel am Haus, unter dimensioniert Kanalisation, Problemen mit Rückhaltebecken, usw. hatten meine Eltern bei Starkregen ein paar Mal Wasser im Keller. Es war weitgehend relativ sauberes knöchel- bis knietiefes Regenwasser. Das war zwar nie gefährlich, aber es verursachte viel Arbeit und einigen Schaden.
Mein Haus hat zwar noch einen Pumpensumpf, der Keller ist dennoch eine s.g. Weiße Wanne. Mit diesen Erfahrungen machte ich mir also keine größeren Sorgen.

Die Erft hat ordentlich Strömung. Letzten Sommer waren wir an dieser Stelle oft planschen, da es hier normalerweise sehr flach ist.

Abends gegen 18 Uhr, als unser Besuch auf dem Heimweg war, habe ich mich aus Neugier an die Erft begeben. Ich wollte einfach mal schauen, wie es dort aussieht und ein paar Fotos machen. Dabei wurde der Regen nach und nach stärker und stärker. An der Erft war die Lage mehr oder weniger genau so, wie ich sie erwartet habe. Der Fluss war schon stark gefüllt und an niedrigen Stellen auch geringfügig über die Ufer getreten. Besonders ist mir die ungewöhnlich starke Strömung aufgefallen, weswegen ich nicht nur fotografiert, sondern auch ein wenig gefilmt habe. Die Wege direkt neben der Erft waren meistens aber nicht mit Flusswasser überflutet, sondern vom Starkregen. Irgendwann war Abendessenszeit, ich war durchnässt und bin nach Hause gegangen.

Als ich zu Hause war habe ich aus einem Bauchgefühl heraus einen Kontrollgang durchs Haus gemacht. Es regnete so stark, dass es ein wenig durch die Dachluke, die bisher immer dicht war, tropfte. Auch der Lichtschacht von der Terrasse bekam recht viel Regen ab, so dass ich es provisorisch abdeckte. Als ich aber danach die Klappe zu meinem Pumpensumpf öffnete, rutschte mir das Herz in die Hose. Die Grube war sonst immer leer, doch jetzt stand darin das Wasser bis zum Rand. Ich habe sofort Gegenmaßnahmen eingeleitet und habe eine Gartenpumpe, die ich mir zufälligerweise zwei Wochen zuvor gekauft habe, aus dem Gartenhaus geholt. Der untere Teil des Rasens stand knöcheltief im Regenwasser.

Im Pumpensumpf ist zwar eine Tauchpumpe fest installiert, die auch hörbar lief, aber das Wasser wurde nicht weniger. Entweder die Pumpe arbeitete nicht richtig, oder der Kanal war bereits so voll, dass das Wasser zurück gedrückt wurde. Ich habe dann mit meiner Gartenpumpe auf die Straße gepumpt. Ich schaute mich um, und traf nur einen Nachbar von der anderen Straßenseite, der ein paar Eimer aus seinem Pumpensumpf geholt hat. Sonst war nichts los. Gegen 21.30 Uhr hörte es auf zu regnen. Während meine Pumpe arbeitete, habe ich bei meinen direkten Nachbarn geklingelt, weil ich weiß, dass deren Haus fast gleich gebaut wurde. Zunächst glaubten sie mir nicht, ihr Pumpensumpf ist abgeklemmt und lange nicht mehr in Nutzung. Ich habe sie überredet und sie haben nachgeschaut. Tja, auch deren Grube war voller Wasser.

Ich stehe auf der Erde, meine Füße versinken im Matsch.
Neben dem Rasen ist ein Stück freie Erde. Das war so voller Wasser, dass es sich anfühlte, wie ein Sumpf oder Treibsand.

Als die Grube noch so halb voll war, lief meine Pumpe heiß und ich musste unterbrechen. Das Wasser stieg zwar noch, aber wirklich minimal. Als Vorsichtsmaßnahme haben wir dann einige Dinge, wie wichtige Akten und Dokumente, Elektronik, usw. ins erste Stockwerk geschleppt. Danach war ich auch noch mal im Garten, schauen, ob und wie hoch das Wasser da stand. Tatsächlich war das Meiste weg, aber der Boden, wo kein Rasen war, war wie ein Sumpf oder wie Treibsand.

Ich bin noch lange aufgeblieben, habe zwischendurch immer wieder Wetter und Wasserstand in der Grube kontrolliert. Meine Frau hat sich den Wecker für 5 Uhr morgens gestellt, um noch mal zu kontrollieren. Die Nacht verlief ruhig. Es regnete nicht mehr, das Wasser in der Grube stagnierte. Auch als meine Frau ihre Kontrolle ausführte, war alles in Ordnung. Wir dachten, ok, das war’s, wir haben’s überstanden. Kurz danach hörten wir ein Heulen, wie von einer Haus- oder Autoalarmanlage, das nicht aufhörte. Das war in unserer Nachbarschaft schon früher ein paar Mal vorgekommen, dass es Fehlalarme gegeben hat. Ich machte mir zunächst keine Gedanken, aber irgendwann hörte man auch noch Stimmen dazu. Was gesprochen wurde, konnte ich nicht verstehen. Ich nahm an, dass entweder sich jemand über den Krach beschwerte oder darüber beraten wurde, wie man ihn abstellen kann. Wie sich später rausstellte, kam der Alarm von einem Auto eines Nachbarn, dass schon im Wasser stand. Vermutlich ist deswegen die Alarmanlage los gegangen.

Um ca. 5.30 Uhr klopfte es an unserer Haustür. Nicht die Klingel, es wurde geklopft. Als ich das hörte, hatte ich bereits ein mulmiges Gefühl. Irgendwas stimmte nicht…

Im nächsten Blog-Beitrag berichte ich über den Tag der Flut: Flutkatastrophe 2021: Flutwelle