Streetfotografie – Kunst oder Modeerscheinung?

Was genau ist Streetfotografie?
„Street“ ist das englische Wort für „Straße“, dabei geht es aber primär nicht um Straßen oder andere Wege. Auf vielen Fotos, die diesem Genre zugeordnet werden, ist nicht mal eine Straße zu sehen. Tatsächlich geht es dabei eher um Menschen in hauptsächlich urbaner und öffentlicher Umgebung, in mehr oder weniger alltäglichen Situationen. Dabei sind die Bilder teils dokumentarisch, teils künstlerisch, meist aber eher banal.

Einer der berühmtesten Vertreter dieser Art dürfte wohl Henri Cartier Bresson sein, quasi der Vater dieser Gattung. Auf ihn beziehen sich auch heute noch die meisten Anhänger der Streetfotografie. Er fotografierte fast obsessiv und entwickelte dabei einen ganz eigenen Stil. So dokumentierte er eine ganz besondere Zeit und die Menschen dieser Zeit. Daraus sind Ikonen der Fotografie hervorgegangen, die auch vielen Menschen bekannt sind, die sonst nichts mit Fotografie zu tun haben.

Wenn man heutzutage sich Portfolios von (meist) Hobby-Fotografen anschaut, fällt einem auf, dass es eine Flut von Bildern dieser Art gibt. Gefühlt fühlt sich jeder Zweite als Streetfotograf. Warum ist das so?

Nun, wie immer gibt es auch dafür viele Gründe. Fragt man die Fotografen, bekommt man meist Gründe wie „Dokumentation“, „Spannende Situationen“, „Bilder von Menschen“ zu hören. Und das ist durchaus nachvollziehbar.
Ich bin allerdings kritischer und denke, dass es da noch andere Gründe gibt, die man sich entweder nicht eingestehen will, oder die man einfach verdrängt.
Streetfotografie ist die denkbar einfachste Möglichkeit Menschen zu fotografieren. Man braucht nur eine Kamera und braucht nur vor die Tür zu gehen und zu fotografieren. Dabei gibt es meist zwei Strategien. Entweder man macht es heimlich (entweder vom Weiten mit einem Teleobjektiv oder z.B. aus der Hüfte) oder man macht sich bemerkbar und manche Fragen ihre „Opfer“ sogar vorher.
Beide Strategien haben ihre Vor- und Nachteile. Macht man es heimlich, zerstört man nicht den Augenblick. Wenn sich Menschen beobachtet fühlen oder gar merken, dass sie fotografiert werden, verhalten sie sich meist anders. Bei dieser Strategie wird der Betrachter des Bildes zu einem Voyeur, der zwar scheinbar dabei ist, aber nicht Teil der Szene ist.
Bei der anderen Strategie macht man zwar den spontanen Augenblick kaputt, dafür bekommt man die persönlicheren Bilder, bei denen der Betrachter ein Teil der Szene sein könnte.

Auch ich habe einige Bilder gemacht, die man diesem Genre zuschreiben könnte. Aber das war nur eine Art Übung, ich sehe mich nicht als Streetfotograf, auch wenn ich mal so etwas, wie einen Karnevalsumzug fotografiere. Das ist dann eher Event-Fotografie für private Zwecke.
Tatsächlich stehe ich dem Genre kritisch gegenüber. Ich habe schon viele Bilder dieser Art gesehen, und nach meiner Meinung sind 95 % davon belanglos, ohne Aussage, ohne dokumentarischen oder künstlerischen Wert. Einfach nur fremde Menschen im Freien „abgeschossen“. Es gibt einige gute Bilder und einige gute Fotografen, aber die sind eher selten.
Tatsächlich könnte man einem Hund eine Kamera umschnallen, sie auf Intervall-Auslösung einstellen und den Hund durch eine Fußgängerzone schicken, und er würde Streetfotografie nach Hause bringen. Ja, er hätte natürlich mehr Ausschuss, und es würde keine Absicht dahinter stecken, aber für das Endergebnis wäre das irrelevant.

Ich glaube, für viele Hobby-Streetfotografen bietet dieses Genre einfache und vielfältige Motive. Sie hoffen, ähnlich wie ihr Vorbild Henri Cartier Bresson irgendwann berühmt zu werden. Ihre Bilder sollen als Dokument für die heutige Zeit herhalten. Aber so funktioniert das nicht. Alles, was einfach zu erreichen ist, ist in der Regel nicht viel wert.

Ich bin mir sicher, wenn ein Bild so viel kosten würde, wie zur Analogzeit (Film, Entwicklung, Arbeitsaufwand), wenn der Fotograf das Bild auf hochwertigem Fotopapier aufziehen, einen schönen Rahmen kaufen und es sich an die Wand hängen würde, dann gäbe es 98% weniger Street-Fotos (und das nicht wegen der fehlenden Wandfläche). Früher (vor 60-70 Jahren) gab es wesentlich weniger Fotografen. Es gab wesentlich weniger Bilder. Und es gab wesentlich weniger Veröffentlichungen (Printmedien, Bücher, Ausstellungen). Damals sind wirklich nur die guten Bilder „an die Oberfläche gekommen“. Heute mit digitalen Kameras und dem Internet als Veröffentlichungsmedium kann jeder fast zum Nulltarif und ohne großen Aufwand hunderte Bilder anderen Menschen zugänglich machen.

Hinzu kommt, dass die meisten Bilder anonym, ohne Bezug und belanglos sind. Interessanter wäre es sich ein Konzept zu entwickeln und sich im Wirkungsgrad enger zu fassen. Wenn man z.B. über Jahre oder gar Jahrzehnte Menschen und Straßenszenen des Viertels oder Dorfes fotografiert, in dem man lebt, so hat das durchaus in später Zukunft einen Wert (nicht monetär), denn die Fotos würden nicht nur zusammenhanglose anonyme Bilder darstellen, sondern eine Entwicklung von etwas, zu dem man einen Bezug schaffen kann.
Man hat nämlich einen räumlichen und zeitlichen Rahmen, und schafft dadurch für den Betrachter einen Bezug, vor allem, wenn der Betrachter auch am gleichen Ort wohnt oder wohnte.
Das ist zwar nicht so einfach, dafür aber (vielleicht) etwas mit Wert.

Schlussendlich ist natürlich noch die rechtliche und moralische Seite der Streetfotografie zu beleuchten. Natürlich kann man z.B. Obdachlose und Bettler auf der Straße fotografieren. Dabei sollte man sich aber immer selbst fragen, ob man damit auf Missstände aufmerksam machen möchte, oder sich nur mit dem Leid dieser Menschen profilieren möchte. Bei der ersten Variante setze ich eigentlich die Absicht voraus diese Bilder im seriösen Rahmen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und damit meine ich nicht anonyme Internetseiten oder Online-Galerien. Schnell rutscht man in die Respektlosigkeit.
Rechtlich ist Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern recht streng. Viele Streetfotografen fühlen sich eingegrenzt und in ihrem Tun behindert. Aus deren Sicht sind die Menschen in Deutschland überempfindlich. Es entsteht schließlich kein Schaden.

Nun, so kann man sich sein Tun natürlich schön reden, aber Fakt ist, dass kaum jemand ungefragt fotografiert werden möchte, selbst Streetfotografen nicht. Auch wenn der Fotograf die besten Absichten hat, und Menschen nicht entwürdigt darstellen möchte, so maßt er sich an für sie zu entscheiden. Dabei kann er das gar nicht, denn er hat keinerlei Entscheidungsgrundlage. Lediglich eine Projektion seiner eigenen Interpretation der Situation. Warum Menschen nicht fotografiert werden möchten, kann unglaublich viele Gründe haben. Ob diese gerechtfertigt sind, oder nicht, kann der Fotograf nicht entscheiden. Er kann auch nicht entscheiden, ob ein Schaden entsteht.

Ich habe in einem der größten deutschen Internetforen für Fotografie ein Experiment gestartet. Ich habe die Befürworter der ungefragten Streetfotografie gebeten mir Fotos von ihnen, ihren Partnern und Kindern zu schicken, quasi so, als hätte ich sie auf der Straße ungefragt fotografiert. Bedingung war nur, dass die Personen eindeutig erkennbar sein sollen. Bei diesem Experiment hatten die Fotografen noch einen Vorteil gegenüber ihren sonstigen „Opfern“, denn sie konnten selbst die Bilder aussuchen, die sie mir zur Verfügung gestellt hätten.
Wie zu erwarten, habe ich kein einziges Bild erhalten. Das zeigte mir, dass die Streetfotografen ihre Argumente selbst nicht glauben bzw. nur auf andere anwenden.

Das ist aber auch kein Wunder. Mit der digitalen Bildverarbeitung und/oder dem Internet kann man sehr viel Mist mit Bildern von Menschen anstellen. Dabei müssen die Bilder nicht mal unbedingt bearbeitet werden. Mit solchen Bildern kann man Menschen recht einfach diskreditieren, wenn man das will.
Klar, die meisten Streetfotografen werden wohl solche Absichten nicht haben, aber das kann der Fotografierte ihnen nicht an der Nasenspitze ansehen.

Auch wenn wir in Deutschland recht strenge Gesetze haben, tatsächlich gab es bisher recht wenige Fälle, in denen ein Streetfotograf in Regress genommen wurde. Das hat aber weniger damit zu tun, dass die Menschen nichts dagegen haben ungefragt bloß gestellt zu werden, sondern weil die Bilder heute einfach in der Flut der Bilder und in der Breite und Tiefe des Internets untergehen. Das heißt, selbst wenn man merkt, dass man fotografiert wurde, wird es schwer später das Bild zu finden um rechtliche Schritte einleiten zu können. Somit bewegen sich Streetfotografen in einer grauen Zone und gehen dabei nach dem Motto „Wo kein Kläger, da kein Richter“ vor. Ich weiß auch nicht, ob das immer so notwendig ist.

Streetfotografen müssen damit rechnen, dass sie bei ihren Aktionen so manch negative Reaktion bis hin zu Handgreiflichkeiten hervorrufen. Jeder sollte für sich entscheiden, ob es ihm das wert ist.
Ich bin gegen Gewalt, würde mich aber gegebenenfalls trotzdem zur Wehr setzen wollen, sofern der Fotograf nicht von sich aus merkt, dass es nicht erwünscht ist fotografiert zu werden.
Meine Idee ist, dass man den Fotograf mit „eigenen Waffen schlägt“. Heutzutage hat fast jeder eine Kamera dabei, nämlich das Smartphone. Noch besser ist natürlich eine richtige Kamera. Ich würde den Spieß umdrehen und anfangen den Fotografen zu fotografieren. Sollte er die Flucht ergreifen, dann noch ein wenig hinterher, so dass er an eigener Haut merkt, wie man sich dabei fühlt.

Wer aber respektvoll mit Menschen umgeht, und sie so behandelt, wie man selbst behandelt werden möchte, dann glaube ich, hat man nichts zu befürchten und bekommt eh die besseren Bilder.

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8 Gedanken zu “Streetfotografie – Kunst oder Modeerscheinung?

  1. „Den Spieß umdrehen“ finde ich eine schöne Idee. Ich musste eben ans Wochenende denken, als mein Freund und ich in einem RunningSushi Resturant saßen und ein anderes Päärchen gegenüber auf der anderen Seite des Ganges (nicht Förderband). Das Mädchen hat mit ihrem Handy in beiden Händen als ob sie knipsen würde in unsere Richtung gezielt.
    Wir waren uns dennoch nicht sicher ob sie uns wirklich gerade fotografiert oder filmt, waren aber ziemlich angepisst, denn auch wenn sie zb jetzt nicht uns abgelichtet hätte, denke ich das auch die anderen Gäste keine Freude damit haben beim Essen gegnipst zu werden. Bzw. sollte man wenn man nicht fotografiert dann das Handy vor sich halten und nicht Richtung Leute drehen als ob.

    Im Nachhinein habe ich mir gedacht ich hätte etwas sagen sollen, wenn es sein muss auch mal in unfreundichem Ton. Jetzt nach deinem Post weis ich, das ich das nächste Mal ganz gelassen mein Handy rauskramen werde, es auf betreffende Person richten – und wenn sie da nicht reagiert und es sein lässt, noch freundlich fragen ob sie nicht etwas posieren könnte für mich;)

  2. Ich verstehe nicht, warum die dich so gegen die SP sträubst. Du hast doch ein gutes Auge. Warum verschließt du es vor dieser Art zu fotografieren? Schade. Bei der SP geht es in erster Linie um das Einfangen von Situationen an denen Menschen beteiligt sind. Um diese Situationen zu erfassen, muss man besagtes gutes Auge haben – und Übung. Erst dann kann man über Qualität und Sinn der SP urteilen. Also, trau dich! Versteck dich nicht hinter Bedenken. Und wenn es „nur“ einer Kamera bedarf und einer Straße, wie du sagst, dann freu dich doch, dass es so einfach ist. Dann zeig, was du daraus machst! Herzlichen Gruß – KUM

    • Danke für dein Feedback.
      Ich sträube mich nicht eigentlich nicht wirklich gegen SP. Ich weiß auch, worum es bei SP geht, und ich weiß auch, dass ich es könnte, wenn ich wollte. Aber es reizt mich irgendwie nicht. Selbst wenn ich solche Bilder machen würde, sie hätten für mich keine Bedeutung.

      Mein Interesse geht eher in Richtung konzeptionelle Fotografie. Ich habe einfach gemerkt, dass ich bessere Bilder schaffe, wenn ich mir vorher Gedanken darüber mache, und gezielt arbeite. Ich habe bereits einige Ideen gesammelt, die ich in nächster Zeit angehen will. Daran mangelt es mir nicht. Mangel habe ich meist an Zeit und Lust. Aber wenn ich mich mal aufraffe, bekomme ich ganz passable Bilder hin, die mir auch etwas bedeuten.

      Natürlich gehe ich auch mal raus, und fotografiere einfach mal so, aber das mache ich einfach aus Spaß und Übung. Das sind nicht unbedingt Bilder, die ich dann irgendwo zeige. Meistens behalte ich sie nicht mal.

      Mit dem Artikel wollte ich nur den derzeitigen Hype um SP kritisch beleuchten, und mit „kritisch“ meine ich nicht nur negativ kritisieren. Ich habe schon so maches gute SP Bild gesehen. Aber die sind wirklich rar gesätt.
      Damit die Bilder mir gefallen, reicht es nicht irgendwelche Menschen einfach beim Vorbeilaufen zu fotografieren und das Bild Schwarzweiß zu entwickeln. Davon gibt es aber leider Unmengen. Über die meisten fliegt man drüber, und hat sie sofort wieder vergessen. Bei vielen ist das Studium da, aber es fehlt das Punctum.
      Für mich muss ein gutes SP Bild entweder eine ganz besonderen Augenblick einfangen, eine Geschichte erzählen und am besten eine Aussage haben.

      • In der Kunst der SP muss nichts. Weder einen Augenblick einfangen, noch eine Botschaft haben. Natürlich gibt es immer von allem zu viel. Und da ist es selbstverständlich, dass man sich die Rosinen rauspickt. Wenn diese Art der Kunst für dich keine Bedeutung hat, geschenkt. Nur mit einem Urteil darüber wird’s dann heikel … Gruß – KUM

      • Du solltest aufmerksamer lesen. Ich habe nicht geschrieben, dass diese Art von Kunst keine Bedeutung für mich hat. Im Gegenteil, ich habe geschrieben, dass es durchaus Ikonen der Fotografie in der SP gibt, die wir heute als wichtige Zeit-Dokumente ansehen. Aber diese sind nicht dadurch entstanden, dass Fotografen ziellos durch die Gegend gelaufen sind, und wahllos und ungefragt fremde Menschen fotografiert haben. Bei den richtig guten Street-Bildern stecken in der Regel ein Konzept und eine Botschaft dahinter. Nehmen wir z.B. Robert Frank mit seinem Werk „The Americans“. Heute ein Klassiker. Damals aber explosiver Zündstoff, weil er die USA so zeigte, wie sie damals waren. Er machte Bilder von armen und leidenden Menschen, von Rassentrennung und vielem mehr. Er hatte die Absicht auf die Missstände hinzuweisen, die er nach seiner Immigration vorgefunden hat. Er, der als Jude aus Europa geflüchtet war, und in ein verheißungsvolles Land ausgewandert ist, dass sich aber bei genauerem Betrachten nicht grundlegend von Europa unterschieden hat.
        Er hatte eine Botschaft und dazu ein passendes Konzept und konzentrierte sich darauf, und lief nicht einfach planlos herum. Er wusste genau, welche Art von Bildern er für seine Botschaft benötigte.
        So ein Werk hat sehr viel Bedeutung für mich und ich bewundere Robert Frank für seinen Mut und seine Beharrlichkeit.

        Was heute zu gefühlten 95% als SP bezeichnet wird, hat nichts davon, und daher auch keine Bedeutung für mich. Ich finde es dann auch vermessen so etwas als Kunst zu bezeichnen.

        Für mich ganz persönlich wäre das einfach verschwendete Zeit. Wer da irgendetwas für sich draus ziehen kann, der soll das machen, aber für mich ist das einfach nichts. Ich sehe da gar keinen Sinn drin fremde Menschen zu fotografieren, die ich höhst wahrscheinlich nie wieder sehen werde. Ich kenne diese Menschen nicht, und daher hätten auch Bilder von ihnen keine Bedeutung für mich. Solche Bilder würde ich mir nie zu hause an die Wand hängen. Da hänge ich lieber Bilder von Menschen auf, die ich kenne, und die eine Bedeutung für mich haben.

        Und warum sollte ich mir über SP kein Urteil bilden dürfen? Nur weil ich dann eine andere Meinung vertrete, als Street-Fotografen?
        Du bildest dir doch auch über andere Bereiche der Fotografie eine Meinung. Ich bin mir sicher, dass es Bereiche gibt, mit denen auch Du nichts anfangen kannst. Ist ja auch dein gutes Recht. Dieses Recht solltest Du anderen nicht absprechen.

  3. Oh, ich will mich nicht streiten. Und jemandem sein Urteil absprechen will ich schon gar nicht. Ich wollte schreiben, dass mit einer Kritik an der Masse schlechter SP keine Kritik an der Sache selbst begründet werden kann. Jedenfalls sehe ich das so. Und was das Konzept bzw. die Konzeptlosigkeit angeht, da bin ich mir auch nicht sicher, ob damit eine Kritik an der SP tragfähig ist. Es geht doch mit der Freude am Beobachten los, mit der Faszination des Lichts und der Schatten, der Linien und Strukturen, mit dem Experiment, wie wohl etwas fotografiert aussieht und ob es einem gelingt von etwas, hier den Straßenszenen, akzeptable Fotos hinzubekommen. Es fängt mit dem sinnlichen Eindruck an, auf den man reagiert. Dann nimmt man die Kamera in die Hand, und versucht die Eindrücke festzuhalten. Auch von der Kamera geht eine gewissen faszination aus. Andere nehmen einen Pinsel oder machen Musik oder schreiben was auf oder denken sich einfach nur ihren Teil. Bleiben wir bei denen, die einen Kamera ind die Hand genommen haben. Sicher, da gibt es große Namen, bewundernswerte Arbeiter im Garten der SP. HCB und Frank und Evans und Meyerowitz und Koudelka und Erwitt und Kalva und wie sie alle heißen. Jeder von ihnen war anders. Und jeder hatte vielleicht ein Konzept. Das reichte von Einfach-mal-Bilder-machen, über Sozialkritik bis hin zum Humor. Aber sie alle haben selbst von der Freude am Beobachten berichtet. In Interviews aber vor allem in ihren Bildern. Sie waren an Menschen interessiert. Aber nicht abstrakt orientiert am Konzept Menschheit und ihren Problemen, sondern an den Menschen unmittelbar selbst, die sie sahen, in Situationen beobachteten. Das ist das entscheidende an der SP. Und wenn es heute Hundertausende gibt, die diese Freude teilen, dann finde ich das vollkommen in Ordnung. (Wie muss es erst den Landschafts-, Baum- und Blumenfotografen gehen. Da liegt die gefühlte Teilnehmerzahl ja bei Millionen. Ist diese Art der Fotografie deswegen bedeutungslos?) Und wenn von hundertausenden Street Fotografen dann wieder Zehntausend meinen, sie müssten ihre Bilder ins Netz stellen, dann ist das eben so. Da ist viel Ausschuss dabei. Ja. Viel Apologetik. Auch Kitsch. Aber eine Geschichte erzählen sie. Manchmal ist sie nur gestammelt, manchmal unvollständig, manchmal schlecht rübergebracht. Egal wie, sie zeigen wie schwer es ist, Menschen zu fotografieren. Es ist sogar verdammt schwer. Um so größer ist dann aber (bei mir jedenfalls) die Freude, wenn ein Bild gelingt. Das Gelingen messe ich nicht an einem gedachten Überbau, sondern is messe es an dem, was ich beobachtet habe. Wenn ich es etwas zuspitzen darf: Ich bin der Künstler, nicht das Konzept. Mir misslingt in einem bestimmten Moment das Bild, nicht dem Konzept. Gemessen daran sind mir schon sehr viele Bilder misslungen. Das ist kein Einwand gegen konzeptionelles Fotografieren. Das ist ein Apell an die Freude des Sehens und ein Plädoyer für Selbstkritik. Und vielleicht treffen wir uns hier. Mit mehr Selbstkritik wären auch weniger Bilder im Umlauf. Das dann doch. HCB und alle die anderen waren vor allem auch das, große Kritker ihres eigenen Werkes. Warum wohl … Herzlichen Gruß – KUM

    • Oh, wieso Streit? Ich freue mich immer über konstruktive Diskussionen.

      Es ist richtig, dass SP mit der Freude am Beobachten beginnt. Aber das ist nur der Anfang. Ist man ambitioniert, dann will man sich doch weiter entwickeln. Und dazu gehört unbedingt Selbstreflektion. Bilder, die ich vor längerer Zeit gemacht habe, die mir damals sehr gut gefallen haben, würde ich heute zum großen Teil anders machen, weil ich mich weiter entwickelt habe.
      Du hast Recht, das Meiste, was Landschafts-, Baum- und Blumenfotografien anbelangt, von denen kann ich die meisten auch nicht mehr sehen. Genau wie den Kölner Dom bei Nacht vom Hyatt aus, obwohl ich den Dom liebe. Die meisten dieser Bilder sind nicht kreativ, da steckt keine gute Idee hinter, sondern simples Nachmachen. Natürlich gibt es auch da Ausnahmen, die ich bewundere. Aber das Meiste ist einfach pittoresk, oder deutlicher gesagt, einfach nur Deko.

      Das Problem ist doch, dass bei vielen Hobby-Fotografen die Fotografie zum Selbstzweck mutiert. Fotografie ist aber nichts anderes als visuelle Kommunikation und man merkt schnell, wenn der Fotograf eigentlich nichts zu sagen hat. Du hast Maler oder Schriftsteller als Beispiel genannt. Das sind für mich eigentlich Paradebeispiele für konzeptionelles Arbeiten. Bevor ein Maler auch nur irgendetwas macht, muss er prävisualisieren, was er da überhaupt machen will. Denn danach richtet sich seine Einkaufsliste der Materialien. Wie groß muss seine Leinwand sein? Welche Farben braucht er? Welche Werkzeuge braucht er?
      Er geht sicher nicht einfach so in den Laden und kauft irgendwas auf gut Glück. Und das Malen ist aufwändig und zeitraubend. Er wird auch beim Malen selbst nicht einfach drauf los malen, sondern vielleicht zuerst grundieren, dann Flächen ausfüllen und zum Schluss die Konturen ziehen. Das erfordert eine Idee, Planung und Vorbereitung.
      Und das ist dann auch der Unterschied zur SP, zumindest leider sehr oft. Bei SP nimmt man die Kamera, geht aus dem Haus, und hält einfach drauf. Wäre ein SP Bild mit halb so viel Mühe verbunden, wir hätten viel weniger Mist, dafür viel mehr gute SP Bilder. Ja, Anfangs ist SP sicher nicht ganz so einfach, da man Technik beherrschen und ein Gespür entwickeln muss, aber es ist dennoch wesentlich einfacher, als ein Bild zu malen.
      Es ist auch grundsätzlich einfacher sein Ziel zu erreichen, wenn man ein Ziel hat. Wenn ich weiß, was ich wo und wie fotografieren will, brauche ich wesentlich weniger Equipment und auch wesentlich weniger Zeit für die Umsetzung. Und meine Ergebnisse werden konstanter.
      So kann man auch mal mit einer Großformat-Kamera losziehen, wie es Robert Frank gemacht hat.

      Bei SP hat man angeblich Interesse an den Menschen. Aber irgendwie widerspricht sich das auch etwas, denn wenn ich Interesse an einem Menschen habe, dann spreche ich ihn an, und lerne ihn kennen und mache vielleicht erst dann ein Foto. Das wäre viel persönlicher, und das würde man auch auf dem Bild sehen.
      So sind die Menschen austauschbar, und damit bedeutungslos.

      Wichtig ist auch, was man hinterher mit den Bildern macht. Wenn man daraus eine Ausstellung oder ein Buch erarbeitet, ist man automatisch gezwungen zu reflektieren und zu selektieren. Hinzu kommen die Kosten und die Zeit, die man aufwendet. Da wird man sich schon genau überlegen, was man dabei zeigt. Für den Betrachter sollte es einen roten Faden geben, dem er folgen kann. Und dazu gehört meist ein Konzept und damit eine Botschaft.
      Die Einfachheit des Internets seine Bilder einem breiten Publikum zu präsentieren ist Segen und Fluch zugleich. Man ist viel schneller verleitet seine Speicherkarte einfach in eine Online-Galerie zu dumpen, weil es eben so einfach geht und fast nichts kostet.
      Es wäre schön, wenn jeder Fotograf jedes seiner Bilder auf den Prüfstand stellt. Passt das Bild zu mir. Bringt es das rüber, was ich gesehen/gefühlt habe oder zeigen wollte? Wie redundant ist das Bild? Was hätte ich besser machen können? In welche Richtung möchte ich mich entwickeln?

      So wird man vom Knipser zum Fotografen.

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