Wikileaks und seine Folgen

Eigentlich wollte ich nichts darüber schreiben, das Thema wird ja schon lang und breit in den Medien zerkaut. Es ist aber ein so schön polarisierendes Thema und ich kam nicht umhin mir meine eigenen Gedanken dazu zu machen.

Aus meiner Sicht gibt es an dem Thema zwei interessante Aspekte. Zum einen natürlich die direkte Auswirkung der veröffentlichten Dokumente (die US Armee steht ganz schön blöd da, US Diplomaten müssen sich bei anderen Politikern entschuldigen, …) und zum anderen natürlich die Reaktionen von eigentlich Unbeteiligten.

Mich persönlich interessiert eigentlich der zweite Aspekt mehr, denn ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob die Veröffentlichung solcher Dokumente moralisch richtig ist.
Einerseits ist es natürlich so, dass Soldaten und Verbündete in den Kriegsgebieten durch diese Veröffentlichungen gefährdet sein könnten. Andererseits zeigt es auch die Scheinheiligkeit der amerikanischen Motive für deren kriegerischen Einsätze. Wenn man sich z.B. das von Wikileaks veröffentlichte Video anschaut, bei dem zu sehen ist, wie ein amerikanischer Kampfhubschrauber bewusst auch unbewaffnete Zivilisten schießt, dann kann man sich schnell denken, das dieser Vorfall nicht der einzige dieser Art war. Hinzu kommen Gefängnisse auf der ganzen Welt, in denen Gefangene ohne Prozess und Verurteilung gefangen gehalten und gefoltert werden. Warum im Ausland? Da gelten eben andere Menschenrechtsgesetze.
Das paradoxe ist, dass die USA das alles unter dem Deckmantel „Kampf gegen den Terrorismus“ veranstaltet, und durch solche Aktionen und Einrichtungen Terroristen produziert. Es sollte nicht vergessen werden, dass auch Bin Laden und viele seiner Anhänger von der CIA ausgebildet worden sind.
Ich habe kürzlich ein Interview mit einem zu unrecht für Monate Inhaftieren und Gefolterten gesehen. Einer seiner Peiniger sagte zu ihm „Wenn Du kein Terrorist warst, als Du hier her gebracht wurdest, Du wirst einer sein, wenn Du hier rauskommst“.
Ob das der richtige Weg ist Demokratie und Frieden zu bringen?
Interessant ist auch, wie viel Etar jedes Jahr für die Einsätze in Afghanistan und Irak von den USA ausgegeben werden, und wie viel die US-Regierung jährlich für z.B. Bildung, Gesundheitswesen oder Kampf gegen die Armut der eigenen Bürger ausgibt. Googelt einfach mal. Bei den Unterschieden könnte einem schon der Gedanke kommen, dass die USA eine kriegerische und aggressive Nation ist.

Die letzte Veröffentlichung (oder Leak, wie es genannt wird) wird von den Medien stark kritisiert, da es nur einige Diplomaten wegen ihren Kommentaren in diversen Dokumenten in Verruf bringt. Es ist Fakt, dass auch deutsche Politiker solche Akten führen. Das ist aus meiner Sicht auch nicht das Interessante. Es ist höchstens amüsant.
Interessant ist eher, dass amerikanische Diplomaten von der amerikanischen Außenministerin (Hillary Clinton) angewiesen wurden, Daten über ausländische Politiker zu sammeln. Das ging über Telefonnummern, Kreditkartennummern bis hin zu biometrischen Daten wie DNS-Proben. Vor allem an den Daten des Generalsekretärs der UNO war man besonders interessiert.
Solche Informationen werden von den Medien merkwürdigerweise nicht so gern berichtet.

Die nächste Veröffentlichung soll ja einige amerikanische Großbanken betreffen. Da könnten brisante Informationen im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise ans Licht kommen. Vielleicht werden deswegen derzeit alle möglichen Konten von Wikileaks gesperrt.

Ob Julian Assange (der Gründer von Wikileaks) das bewusst macht, oder nur ein Egomane ist, ist in meinen Augen nicht so wichtig. Ich bin mir nur sicher, dass wenn es nicht gerade so viel Aufhebens um seine Person in den Medien geben würde, dann würde das Interesse der Allgemeinheit an Wikileaks selbst deutlich geringer ausfallen.
Ob er die Frauen tatsächlich vergewaltigt hat, oder nicht, muss das Gericht klären. Dennoch halte ich es nicht für unmöglich, dass er hier reingelegt wurde. Der amerikanische Geheimdienst kann ihn nicht einfach so liquidieren, dafür ist er mittlerweile zu populär. Das der Geheimdienst aber imstande ist, ihm eine Falle zu stellen, oder Menschen zur Falschaussage zu bewegen, dürfte wohl jedem klar sein.
Interessant dürfte auch die hypothetische Frage sein, was passieren würde, wenn Julian Assange an die USA ausgeliefert werden würde. Es ist weder amerikanischer Staatsbürger, noch hat er gegen ein Gesetzt verstoßen (was die Veröffentlichungen angeht), noch hat er die Dokumente in den USA veröffentlicht. Aber es gibt ja die oben erwähnten Gefängnisse im Ausland, wo man es mit dem eigenen Gesetzt nicht so genau nimmt. Vermutlich würde er irgendwo da landen.

Wie schon oben erwähnt finde ich persönlich die Folgen und Reaktionen auf die Veröffentlichungen interessanter. Es bahnt sich eine kleine digitale Revolution an.

Bisher hatten die amerikanischen Behörden nicht so wirklich eine Lösung für das Problem. Derzeit versucht man bestimmte Seiten von bestimmten Einrichtungen aus zu zensieren. Ich bezweifle, dass das wirklich hilft. Man versucht auch sich derzeit Gesetzte zu Recht zu biegen, um dagegen vorgehen zu können.

Derzeit ist ja das Cloud-Computing der große Trend in der IT-Wirtschaft und im Internet. Konzerne bieten bestimmte Dienste im Internet an, die man oft sogar kostenlos nutzen kann. Viele vergessen aber, dass man so seine Daten bei den Konzernen verteilt und dann auch auf die Konzerne angewiesen ist. Wikileaks hatte z.B. beim Versandhändler Amazon einen Server, auf dem viele Dokumente gelagert wurden (einer von vielen auf der ganzen Welt). Obwohl es keine gesetzliche Grundlage gab, wurde der Server einfach abgeschaltet, mit der Begründung, dass er für illegale Aktivitäten genutzt wurde. Der DNS-Dienst für das Wikileaks-Portal wurde abgestellt. Mastercard und PayPal haben Konten eingefroren, eine große US-Bank folgte (hat man da vielleicht Angst vor der nächsten Veröffentlichung?).
Einer der Geschäftsführer dieser Konzerne hat zugegeben, dass er einen Anruf von einer bekannten amerikanischen Behörde bekam, in dem man ihm „sehr deutlich“ nahe gelegt hat, die Konten zu sperren. Was diese Umschreibung bedeutet, kann sich jeder denken.
Das erinnert etwas an den Film „Staatsfeind Nr. 1“ mit Will Smith.
Ok, das ist vielleicht etwas übertrieben. Aber es zeigt doch, was Konzerne und Behörden mit einem anstellen können, wenn man ihnen nicht passt, auch wenn man gegen kein Gesetzt verstoßen hat. Das ist die negative Seite des Cloud-Computing, die gerne verschwiegen wird.

Eines haben diese Leute aber nicht erkannt. Das Internet gibt den Menschen eine gewisse Macht. Es ist einfacher seine Meinung kund zu tun, oder sich mit Informationen zu versorgen. Natürlich ist es schwieriger diese zu prüfen.
Das Internet funktioniert dezentral. Daher ist es unheimlich schwierig Daten daraus vollkommen zu entfernen. Die bisher veröffentlichen Dokumente sind schon auf so vielen Servern und Rechnern auf der ganzen Welt, dass diese so nicht mehr verschwinden werden. Möchte man Wikileaks gefahrlos und nicht finanziell unterstützen, dann kann man die Dokumente bei sich Speichern und weiter verbreiten.
Es hilft auch nicht den Gründer (Julian Assange) zu verhaften oder sonst etwas mit ihm anzustellen. Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Es gibt andere, die seinen Platz einnehmen (und schon teilweise eingenommen haben).

Als die Reaktionen von Behörden und Konzernen gegen Wikileaks oder Julian Assange anfingen, kam eine relativ neue „Macht“ auf den Plan. Server von Behörden, Konzernen, Anwälten usw. wurden per DDoS-Angriffen für Stunden außer Gefecht gesetzt. Diese Art des Angriffs ist schon sehr alt und simpel. Man bombardiert sein Ziel so lange mit Anfragen, bis das Ziel komplett überlastet ist, und die Hufe hoch legt. Für einen solchen Angriff benötigt man mehrere (oder je nach Ziel sehr viele) Angreifer. Bis vor kurzem lief das so, dass Hacker (oder besser gesagt Cracker, denn da gibt es einen gewaltigen Unterschied) fremde Rechner in ihre Gewalt brachten und zentral für solche Angriffe steuerten. Ein solches Netz aus infizierten Rechnern nennt man Bot-Netz (solche Netze kann man sogar mieten). Bot ist die Abkürzung von Robot und kommt eigentlich aus der Computer-Spielesprache. Bots sind eigentlich computergesteuerte Gegner in Computerspielen.
Das Neue ist, dass bei den Angriffen gegen die Seiten der Behörden und Konzerne keine einzelnen Hacker mit ihrem Bot-Netz beteiligt waren, sondern ganz viele Menschen mit ihren Rechnern, die sich zu einem losen Verbund zusammen geschlossen haben. Geboren wurde die Idee im Umfeld des berüchtigten Image-Boards 4chan. Damals hat die Sekte Scientology versucht ein Video aus dem Internet löschen zu lassen, in dem Tom Cruise bei einem Interview ziemlich abgedreht ist. Damals haben sich einfach viele Besucher dieses Boards zusammen getan, und die Seite der Sekte bombardiert. Interessant ist, dass es dabei keinen Organisator, keinen Verantwortlichen, keine Hierarchien oder Strukturen gab. Es funktioniert wie ein Schwarm. Jeder kenn mitmachen, jeder kann aufhören, jeder kann machen, was er will, und trotzdem erreicht man ein Ziel. Angriffsziele werden einfach per Bild in einem Image-Board oder in verschiedenen Chat-Rooms genannt. Jeder kann ein Ziel vorschlagen oder auswählen. Wie ein Schwarm eben.
Dieser lose Verbund fing an sich „Anonymous“ zu nennen. Als „Logo“ gibt es sowohl eine Silhouette eines Menschen im schwarzen Anzug, allerdings ohne Kopf, und die Maske aus dem Film „V wie Vendetta“.
Anonymous attackierten Seiten von Verfechtern von Gesetzten gegen Raubkopierer, den dazugehörigen Behörden usw.
In dem Vorgehen gegen Wikileaks sehen die Beteiligten von Anonymous eine Gefahr in Meinungs- und Pressefreiheit. Daher wurden diese Konzerne massiv angegriffen.
Man fragt sich natürlich welchen Schaden solche Angriffe verursachen. Die Seiten sind schließlich nur für einige Zeit nicht erreichbar. Ist doch kein Beinbruch, oder? Falsch! Gerade Unternehmen, wie PayPal, Mastercard oder Amazon funktionieren fast nur noch online. Jede Minute, die sie nicht online sind, kostet sie mehrere tausend Euro.
Außerdem gab es viele, die diese Dienste angefangen haben zu boykottieren. Wenn sich das im Netz rumspricht, sind es ganz schnell ganz viele, was wiederum immensen finanziellen und einen Image-Schaden verursachen kann.

Der allerneuste Gag ist, dass Menschen ihre Computer freiwillig in die Kontrolle von solchen Schwärmen übergeben, damit diese für die Angriffe genutzt werden können. Somit kann jeder Laie, der nicht weiß, wie ein solcher Angriff funktioniert, trotzdem mitmachen.

In Deutschland und in vielen anderen Ländern sind solche Angriffe illegal. Kürzlich wurde in Holland ein 12 jähriger Junge verhaftet, weil er sich an einem solchen Angriff beteiligt hat. Ich wage zu bezweifeln, dass ein Zwölfjähriger die Reife und das nötige Wissen hat, um zu entscheiden, was er da tut. Aber es zeigt, welche Kreise das zieht, und wie machtlos die „Mächtigen“ eigentlich sind, wenn sich viele „Nicht-Mächtige“ zusammen tun.

Natürlich ist ein solcher Schwarm nicht ungefährlich. So wurden z.B. Daten von Menschen im Internet veröffentlicht, die z.B. Tiere gequält haben sollen. Ob die Menschen das wirklich gemacht haben, weiß keiner genau. Aber durch die Veröffentlichung, waren die Menschen plötzlich ziemlich unbeliebt. Das ging sogar bis hin zu Morddrohungen.

Aber das ist so mit Revolutionen. Es rollen immer ein paar Köpfe. Manche berechtigt, andere nicht.
Man darf gespannt sein, wo sich das alles hin entwickelt.

Letztens habe ich einen interessanten Satz gelesen, der mir zu denken gegeben hat. Er lautet in etwa so: „Was wäre wenn Julian Assange ein chinesischer (oder nordkoreanischer) Dissident wäre?“. Gemeint ist damit, dass man sich überlegen soll, ob man ihn und seine Taten nicht anders bewerten würde, wenn er geheime Informationen über „böse“ Aktionen eines in unseren Augen „bösen“ Regimes veröffentlichen und damit gegen das „böse“ Regime kämpfen würde.
Wer weiß, vielleicht würde man ihm sogar den Friedensnobelpreis verleihen.
Denkt mal darüber nach und seid ehrlich dabei.

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Ein Gedanke zu “Wikileaks und seine Folgen

  1. Ich finde es gut was Julian macht. Die sogenannten Großmächte zeigen zu oft mit ihren Fingern auf weitentfernte Krisenherde und bleiben selbst unbeobachtet. Und nun gibts einen großen Aufschrei, dass unsere Politiker auch kleine Geheimnisse haben! Im großen und ganzen würde ich sagen, dass die veröffentlichten Dokument mehr Schaden anrichten würden, wenn sie weiter unter Verschluss gewesen wären. Warum wird denn soviel geheimgehalten – weil die Politiker Angst for dem gemeinen Volk haben, dass dieses sich wehren könnte gegen ihre Entscheidungen. Die Handlungen von Staat und großen Unternehmen sollten Tranzparent für alle sein, dass man wieder vernünftig zusammenleben kann. Ich glaube noch nie, hatten die Bürger soviel Misstrauen in ihre eigene Regierung wie heute. Also Julian und alle Netzaktivisten – weiter so!

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